Von Thilo Koch

Casanovas Memoiren sind, übersetzt von Heinrich Conrad, neu erschienen im Verlag Langen-Müller, München. Diese Gesamtausgabe in 6 Bänden umfaßt 4240 Seiten und kostet in Leinen 120 DM, in Saffianleder 210 DM. Auf einer seiner Reisen besuchte Giacomo Casanova auch Voltaire in Genf, wobei sie in einem längeren Disput über Literatur, Philosophie und zuletzt über Politik scharf aneinandergerieten. Dieses zum Verständnis Casanovas wichtige Gespräch zitiert Thilo Koch im Rahmen seiner Betrachtungen über dessen Memoiren; Casanova schildert den Fortgang der Auseinandersetzung über Regierungsformen so:

Ich sagte weiter: „Ein Volk ohne Aberglaube wäre ein Volk von Philosophen, und die Philosophen wollen nicht gehorchen. Das Volk kann nur glücklich sein, wenn es niedergedrückt, zu Boden getreten und an der Kette gehalten wird.“

„Das ist entsetzlich! Und Sie gehören zum Volk! Wenn Sie mich gelesen haben, müssen Sie gesehen haben, wie ich nachweise, daß der Aberglaube der Feind der Könige ist.“

„Ob ich Sie gelesen habe? Gelesen und wieder gelesen, besonders dann, wenn ich nicht Ihrer Meinung bin. Ihre Sie beherrschende Leidenschaft ist die Liebe zur Menschheit. Est ubi peccas. Diese Liebe macht blind. Lieben Sie die Menschheit, aber lieben Sie sie so, wie sie ist. Sie verträgt nicht die Wohltaten, die Sie an sie verschwenden wollen; Sie würden sie nur noch unglücklicher und verderbter machen. Lassen Sie ihr das Tier, das sie verschlingt: sie liebt dieses Tier. Ich habe nie so sehr gelacht, als wie ich Don Quijote genötigt sah, sich mühsam gegen die Galeerensträflinge zu verteidigen, die er aus Großherzigkeit befreit hatte.“

„Es tut mir leid, daß Sie einen so schlechten Begriff von Ihresgleichen haben. Aber da fällt mir ein – sagen Sie mir doch, sind Sie denn in Venedig sehr frei?“

„So frei, wie man unter einer aristokratischen Regierung überhaupt sein kann. Wir haben nicht so viel Freiheit wie die Engländer; aber wir sind zufrieden.“