Wenn ein paar Tage lang die Aktienkurse nicht in der bislang gewohnten Weise steigen, pflegen viele Börsianer bereits bedenkliche Gesichter zu machen und nach Gründen zu suchen, die den Hausse-Stop verursacht haben könnten. In den letzten Tagen sprach man die Politik "schuldig" – und offensichtlich hat auch die Dulles-Reise nach Europa einige Beunruhigung ausgelöst. Daneben ist allerdings zu berücksichtigen, daß die New Yorker Kurse ebenfalls stagnieren, was stets Beeinträchtigungen im internationalen Wertpapiergeschäft im Gefolge hat. Im übrigen besteht von der Konjunkturlage her kein Grund zur Beunruhigung. Langfristig gesehen auch bei Eisen und Stahl nicht. Das sollte man sich bei der Beurteilung der Montankurse vor Augen führen. Die Bayerische Hypotheken- und Wechsel-Bank hat zweifellos recht, wenn sie in ihrem letzten Börsenbericht schreibt, daß bei Abrundungskäufen für Aktien, auf die 9-, 10- oder 11prozentige Dividenden ausgeschüttet werden, kaum Kurse zwischen 300 und 500 v. H. bewilligt würden, wenn der Aufkäufer diese nicht mit dem inneren Wert der Gesellschaften vereinbaren könnte. In der jüngsten Vergangenheit haben sich die Montanwerte zweifellos im Wertportefeuilles als Ballast erwiesen, aber angesichts der geradezu rasanten Steigerungen bei den Chemie-, Bank- und Elektrowerten sind sie in ein Stiefmütterchen-Dasein gedrängt worden, das in seiner Kümmerlichkeit im jetzigen Umfang übertrieben erscheinen muß.

Die Elektrowerte wurden durch die Siemens-Dividende am Wochenbeginn angeregt, die IG-Farben-Nachfolger durch das Bezugsrecht bei Hoechst. Lebhafter wurde auch das Geschäft in den Schering-Aktien, als bekannt wurde, daß man die Freigabehoffnungen in Bezug auf die deutschen Vermögenswerte in den USA nicht völlig auf Eis zu legen braucht. Allerdings scheint es so zu sein, daß die Amerikaner sich dieser Frage erst dann wieder annehmen werden, wenn die IG-Farben im Falle Interhandel auf eine Berufung verzichten. Außerdem bedarf es – so ist immer wieder aus Kreisen in Washington zu hören, die einer Rückgabe wohlgesonnen gegenüberstehen – hartnäckiger diplomatischer Bemühungen der Bundesregierung, die offensichtlich in der jetzigen außenpolitischen Situation diesen Komplex aber als zweitrangig ansieht.

Auf der Suche nach "zurückgebliebenen" Papieren hat sich die Spekulation vorübergehend der Hypothekenbank-Aktien bemächtigt. Ob es allerdings richtig ist, diese Papiere höher als die Aktien der Geschäftsbanken zu bewerten, steht auf einem anderen Blatt. Als sicher kann gelten, daß die Hypothekenbanken dank ihres guten Geschäfts in den letzten Jahren künftig in der Lage sein müssen, konstant hohe Dividenden auszuschütten. Da darüber hinaus noch mit einer stetigen Geschäftsausweitung zu rechnen ist, bestehen reale Hoffnungen auf Kapitalerhöhungen. Dennoch wird man sich vor Kursübertreibungen hüten müssen, die allein schon deshalb sehr leicht eintreten, weil der Markt dieser Papiere sehr eng ist. Bei nahezu jedem Institut gibt es Schachtelbeteiligungen anderer Kreditinstitute.

Am Rentenmarkt hat sich die Nachfrage verstärkt. Es gilt als sicher, daß der Typ der 5prozentigen Industrie-Anleihe vor der Tür steht, zumal sich der Ausgabekurs von 99 1/2 bei den zuletzt aufgelegten (und schon vor dem offiziellen Zeichnungstermin weitgehend placierten) Emissionen beinahe nicht mehr als marktgerecht erwiesen hat. Der darin zum Ausdruck kommende Fortschritt in der Zinssenkung bringt nunmehr auch wieder den 5prozentigen tarifbesteuerten Pfandbrief ins Spiel, der bislang nur unter Schwierigkeiten abzusetzen war.

Kurt Wendt

Aus dem Otto-Wolff-Konzern verlautet, daß eine außerordentliche Hauptversammlung der Stahl- und Walzwerke Rasselstein/Andernach AG beschlossen hat, das Grundkapital von 27 Mill. DM um 29 Mill. DM auf 56 Mill. DM zu erhöhen. Von dem neuen Kapital haben die Eisen- und Hüttenwerke AG 15 Mill. DM und die August-Thyssen-Hütte AG als wichtiger Vormaterial-Lieferant von Rasselstein 14 Mill. DM übernommen. Die Kapitalerhöhung erfolgt – wie es heißt – im Zusammenhang mit der Modernisierung und Rationalisierung der Weißblech-Anlagen des Werkes Andernach.

Die Geschäftsentwicklung bei der Vereinigte Glanzstoff-Fabriken AG, Wuppertal-Elberfeld, im Jahre 1958 blieb nicht unbeeinflußt von den Absatzhemmungen in der Textil- und Bekleidungsindustrie, die auf die zunehmenden Importe von Textilien und auf die Tendenz der Verbraucher zum Kauf von langfristigen Kosumgütern zurückzuführen sind. Den rückläufigen Versandzahlen in den drei traditionellen Reyonsparten stand jedoch eine starke Ausweitung bei den Synthetika – Perlon und Diolen – gegenüber, so daß der Wertumsatz mit 391 Mill. DM das Vorjahr (382,7 Mill. DM) noch um 2,2 v. H. übertraf. Die Ertragslage wird allerdings, wie die Geschäftsleitung mitteilt, durch die immer stärker werdende Diskrepanz zwischen Verkaufspreisen und Gestehungskosten beeinträchtigt.