Von Edmund Wolf

Viele der kleineren Rollen erfordern mehr, als die Schauspieler in dieser Vorstellung leisten konnten." Mit diesem Satz allein gestattet sich die Times – die wohlerzogenste aller Zeitungen – die Aufführung zu tadeln.

Nicht so wohlerzogen wie die Times, würde ich hinzufügen, daß auch die meisten größeren Rollen viel mehr erfordern. Aber ein Mann wie Alan Dent, einer der erfahrensten Londoner Kritiker, bezeichnet "die üppige Regie von Caspar Wrede, ebenso wie die phantasievolle Einheitsdekoration von Malcolm Pride" als eine "bemerkenswerte Leistung". Und W. A. Darlington im Daily Telegraph findet sogar, daß "der Szenenwechsel bei gedämpftem roten Licht, begleitet von atmosphärischer Hintergrundmusik, oft interessanter war, als die Szenen selbst".

Nicht sehr schmeichelhaft für den jungen Georg Büchner, dessen Werk – um weit mehr als hundert Jahre postum – von dem jungen Caspar Wrede den Londonern vorgestellt wurde.

Darlingtons Ansicht über das Drama wird aber von anderen nicht geteilt. Wenn er das Stück als zu "wortereich" empfand, und "wortereich auf eine falsche Art für ein modernes Publikum", so schreibt Dent: "Georg Büchners Stück ist nicht im mindesten sentimental. Es ist erstaunlich realistisch für seine Zeit, episodenhaft, aber doch gut geplant, mit einer aufgelösten, aber nicht zusammenhanglosen Handlung; mit einer direkten Sprache, die dabei doch oft poetisch ist."

"Ein ungleichmäßiges Stück" nannte es der, wie immer anonyme, Kritiker der Times.

Ein ungleichmäßiges Stück ist es, wie wir wissen, und schlimmer noch als ungleichmäßig. Es schwelgt zu lange in Dantons Passivität, und leidet damit unheilbar schon an seinem Stoff. Es ist im sprachlichen Ausdruck überladen, von jener gewaltsamen Verdichtung, die Jugendwerke oft charakterisiert. Es leidet, nicht zuletzt, an Shakespeare, dessen lockerer Szenenbau hier zu einer Atomisierung des szenischen Gefüges wird und dessen wahnsinnige Ophelia hier als wahnsinnige Lucille erscheint. Nun habe ich unter vielen deutschen und englischen Ophelien nur eine gesehen, deren Wahnsinn wirklich packte und rührte, (das war Mary Ure, die Frau John Osbornes, in der Peter-Brode-Inszenierung von "Hamlet"). Gewöhnlich gehen Ophelien in dieser angeblich so wirkungsvollen Szene unter, noch bevor sie im Wasser ertrinken.