Mit der Forderung der Fünf-Tage-Woche für den Bergbau und dem Vorwurf, die Bundesregierung bereite ein "wirtschaftliches Stalingrad" vor, hat Heinrich Gutermuth in der vorigen Woche in Bochum Schlagzeilen gemacht. Der Gewerkschaftsführer der IG-Bergbau vertritt 650 000 Arbeiter und ist neben Otto Brenner von der IG-Metall ein Repräsentant jener wirtschaftlichen Großmacht, welche die Amerikaner, analog zum "Big Business", heute treffend "Big Labor" nennen.

Noch immer wirkt der untersetzte Bauernsohn Heinrich Gutermuth aus dem hessischen Ilbeshausen schollenverbunden. Wenn seine schweren Hände donnernd auf das Rednerpult niederfallen, erkennt man, daß dieser Mann mit dem großflächigen, kantigen Gesicht sein Meisterstück am Amboß und am Schraubstock gefertigt hat. Seine Liebe zu allem Technischen zog ihn schon mit 22 Jahren ins Ruhrgebiet. Im Jahre 1920 verfuhr er als Grubenhandwerker auf der Zeche "Consolidation" in Recklinghausen seine erste Schicht.

Sechs Jahre arbeitete Gutermuth unter und über Tage, bis er 1926 hauptamtlicher Funktionär, ja bald schon Bezirksleiter des Gewerkvereins Christlicher Bergarbeiter wurde. Nachdem Hitler und Robert Ley die Gewerkschaften zerschlagen hatten, reiste er für eine Bielefelder Wäschefabrik als Vertreter. Im zweiten Weltkrieg vertauschte Gutermuth dann den grauen Uniformrock des Cambrai-Pioniers aus dem ersten Weltkrieg mit dem des Schirrmeisters einer Panzerdivision.

Aus der Gefangenschaft zurückgekehrt, stieß er als Exponent der früheren Christlichen Bergarbeiter zu August Schmidt und Heinrich Imig, die unter Böcklers Regie die Einheitsgewerkschaften aufbauten. Schmidt, der "große Alte" unter den Bergarbeiterführern, der auf keinem IG-Bergbau-Kongreß fehlt, ließ den technisch und organisatorisch begabten Gutermuth in den Hauptvorstand der IG-Bergbau wählen und betraute ihn mit dem Referat für Betriebsräte und Grubensicherheit.

Als August Schmidt 1953 den Vorsitz aus Altersgründen abgab, erhielt bei der Neuwahl in Köln nicht der offizielle Kandidat und Alt-Sozialdemokrat Imig, sondern der robustere Gutermuth die meisten Stimmen. Aber der "Eiserne Heinrich" – wie ihn seine Kumpel gerne nennen – begnügte sich mit dem Posten des zweiten Vorsitzenden. Er wollte sein Teil dazu beitragen, die innergewerkschaftlichen Gegensätze, die damals durch die Kommunisten eifrig geschürt wurden, zu mildern.

In diesen Jahren auch vollzog Gutermuth zwei bedeutungsvolle Wechsel: von der katholischen trat er zur evangelischen Konfession über, von der CDU ging er zur SPD.

Seit dem plötzlichen Tod Imigs im Februar 1956 trägt dieser Mann nun die Verantwortung für 650 000 westdeutsche Bergarbeiter. Er ist "Boß" der finanziell wohlfundierten IG-Bergbau, in der er zwei "Christliche" im Hauptvorstand nicht nur toleriert, sondern unter anderem mit der Vermögens- und Finanzverwaltung beauftragt hat.