Die Hausfrauen klagen darüber, es werde alles teurer und dem Index für die Lebenshaltungskosten sei nicht zu trauen. Vor einigen Tagen hat nun ein großes Unternehmen des Lebensmittel – Einzelhandels im rheinisch-westfälischen Raum, das im letzten Geschäftsjahr (bis Ende August 1958) in 92 Filialen einen Umsatz von über 100 Mill. DM erreicht hat, einige Zahlen bekanntgegeben; sie machen die Klagen der Hausfrauen verständlich. Sie zeigen aber auch, daß diese Medaille noch eine Kehrseite hat.

Das Unternehmen errechnete einen eigenen "Haus-Preisindex". Er ist zwar roh gegriffen, aber dennoch instruktiv. Der Umsatz wurde durch die Gewichtsmenge der verkauften Ware dividiert; dies gibt an, was ein Zentner der im Jahr verkauften Ware gekostet hat. Im Geschäftsjahr 1953/54 hat dieser "Verkaufskorb" 93,65 DM gekostet, in 1957/58 aber 122,83 DM. Er war in fünf Jahren also um gut 29 DM oder 31 v. H. teurer geworden. In der gleichen Zeit stieg der Index der Lebensmittelpreise nur um fünf v. H., der amtliche Ernährungsindex um neun v. H. Die Hausfrauen haben also insofern recht, wenn sie behaupten, daß sie von Jahr zu Jahr mehr Geld für die Lebenshaltung aufwenden. Aber die Ware ist doch nur geringfügig teurer geworden. Also kaufen unsere Hausfrauen bessere (damit auch teurere) Qualitäten und andere (teurere) Waren.

Dieser Wandel in den Ansprüchen wird nur wenigen voll bewußt geworden sein. Denn er vollzieht sich allmählich und ergibt sich auch daraus, daß Herr und Frau Jedermann in ihren Lebensgewohnheiten "eben mit der Zeit gehen". Man erinnert sich ja auch nicht gern – höchstens in großem, zeitlichem Abstand – an ein ^einfacheres Leben, das man früher einmal geführt hat. Auf der anderen Seite zeigt der amtliche Index nur die Preisentwicklung für möglichst gleiche Waren und Qualitäten; nur in längeren Zeiträumen kann er dem Wandel der Einkaufsgewohnheiten angepaßt werden. So hat der amtliche Index die "Edel-Freßwelle" – wie das Unternehmen. die Entwicklung in den letzten Jahren etwas derb bezeichnet – nicht in seinen Zahlen widerspiegeln können. Es ist der Zug zur höheren Qualität, zum Verbrauch von Lebensmitteln des gehobeneren Verbrauchs, der den Durchschnittspreis für den "Verkaufszentner" so stark erhöht hat.

Vergleicht man die Entwicklung des Preises dieses Verkaufskorbes mit dem amtlichen Index, so sieht man deutlich, wie diese Veränderungen in der Nachfrage besonders stark von 1953 auf 1954 und dann in den Jahren 1955 bis 1957 waren, also in den Zeiten der konjunkturellen Hochblüte unseres Wirtschaftswunders. Die jeweiligen Sprünge sind so groß, daß sie; nicht nur auf den Einkauf besserer Qualitäten zurückgeführt werden, können, sondern auch eine wesentliche Verlagerung in der Nachfrage eingetreten sein muß. Die Entwicklung und Struktur des Index deutet auf Verlagerungen der Einkäufe auf gewichtsmäßig schwere Waren, z. B. auf stärkere Käufe von Weinen und Spirituosen (mit den schweren Flaschen) und auch von Konserven.

Jedenfalls zeigen die Angaben des Unternehmens, daß die Verbrauchsgewohnheiten sich stark gewandelt haben. Die Hausfrau gibt in der Tat mehr Geld aus. Aber sie kauft nicht nur lieber Schweineschnitzel statt Bauchfleisch – das so beliebte Beispiel, mit dem die Fleischer ihre Preispolitik zu verteidigen pflegen; auch in ihren sonstigen’ Einkäufen von Lebensmitteln hat sich eine starke Veränderung vollzogen. Dieses ist der Grund dafür, daß die Hausfrauen immer weiter über die Steigerung ihrer Ausgaben die Hände ringen. Nur ist es falsch, dies auf Preissteigerungen zurückzuführen. Wir alle leben besser, und warum auch nicht? F. L.