Die Reiselektüre für eine längere Seefahrt mit einem Fischereiforschungsschiff hatte ich vorher sinnvoll auszuwählen versucht. Denn nichts wäre mir kurioser erschienen, als für diese winterliche Nordmeer-Expedition etwa einen Südsee-Liebesroman einzupacken; eher war Lektüre nötig, die mir Forschungsgebiet und -ziel besser zu verstehen half. Da es darum ging, Zugrouten, -Zeiten und -stärken eines Tieres – nämlich des Seelachses – zu erforschen, schien mir also das neue Buch von

Adolf Zänkert: "Das große Wandern – Die Reisen der Tiere"; Franckh’sche Verlagshandlung, Stuttgart; 176 S., 5,80 DM

sehr willkommen, der Titel vielversprechend. Das Thema war übrigens längst überfällig für eine populärwissenschaftliche Bearbeitung. Der bewährte "Kosmos"-Autor Zänkert war als erster am Stoff.

Hier nun ist die Rede vom Vogelzug und den regelmäßigen Wanderungen vieler anderer Tierarten, der Schmetterlinge und Elefanten, Wölfe und Robben, Heuschrecken und – für mich unter diesen Umständen besonders interessant – denen der Fische.

Wie wohltuend habe ich es empfunden, daran erinnert zu werden, daß es heute außer Raketenforschern auch noch Gelehrte gibt, die sich mitunter jahrzehntelang damit beschäftigen, die Zugmotive einer einzigen, für den Menschen sogar völlig unbedeutenden Tierart zu enträtseln; wie bedenklich stimmte mich der wiederholte, notwendige Hinweis, daß so manche wandernden Tiere besonders in unserer Zeit einer gefährlichen Dezimierung durch "wilde Jäger" ausgesetzt sind. Und wie zufrieden war ich bei der Feststellung, daß es möglich, ist, ein so kompliziertes Gebiet samt seiner schwierigen Erforschung in einer für den Laien verständlichen Form, dabei kurzweilig und anregend zugleich, abzuhandeln. Zuweilen aber ergriff mich bei der Lektüre vom "großen Wandern" doch ein großes Wundern ...

Die Kapitel über die Lebewesen des Meeres habe ich besonders interessiert studiert – und dabei eine Abhandlung über die Seejungfrauen sehr vermißt. Oder durfte ich eine solche nicht erwarten, nachdem ich auch eine längere Lektion über den Yeti, den fabel-haften Schneemenschen des Himalaja, in die Reihe der Darstellungen von Lebewesen aufgenommen fand? Schade übrigens, daß der Rahmen des Buches offenbar nicht weit genug gesteckt war, um mehr über die Wale zu sagen als – in einer Fußnote zum Robbenkapitel: "Nicht minder regelmäßige und meist sehr ausgedehnte Wanderungen kennen wir auch bei den Walen, von denen manche Arten in den Ozeanen fast von Pol zu Pol ziehen."

Während ich zu meiner Freude in dem Kapitel über den Flußlachs selbst die allerneuesten Forschungsergebnisse verzeichnet fand, mußte ich mir von den mitreisenden Fischerei-Biologen leider erklären lassen, daß die graphische Darstellung der Heringszüge auf veralteten Thesen fußt. Und dieser kritische Einwand beruhte sicherlich nicht auf Verärgerung über den Satz "Was die Forscher mit ihren Fischmarkierungen erkundet haben, deckt sich völlig mit den Erfahrungen der Heringsfischer." Ich habe mir erzählen lassen, daß die Forscher gerade dann eingesetzt werden, wenn die Erfahrungen der Fischer versagen.

Der Unterschied zwischen Zänkerts Buch und einer in allen Teilen vertrauenswürdigen Arbeit ist leider so groß wie der zwischen Schellfisch und Kabeljau – den der Autor freilich nicht kennt. Jedenfalls schreibt er unter die Abbildung eines Fisches "Schellfisch (Dorsch)", wo "Kabeljau (Dorsch)" allein richtig wäre. Nun kann ich nur hoffen, daß gegen die bebeinten Wanderer weniger gesündigt wurde als gegen die armen, beinlosen, stummen Fische. Ortwin Fink