Diplomaten, Missionare und ein Zirkus im Film

Gleich zwei neue Filme mit Ingrid Bergman sind zur Zeit in den Kinos der Bundesrepublik, so auch in Hamburg, zu sehen: "Indiskret" (Kurbel am Jungfernstieg) und "Die Herberge zur 6. Glückseligkeit" (Urania). Wir hatten Ingrid Bergman, die aus Schweden stammende Schauspielerin, die von vielen "die andere Garbo" genannt wird, für eine Weile aus den Augen verloren, nun ist sie wieder da.

Bei uns spannen augenblicklich Filmleute in Noten Nicht-Schauspieler vor ihren holpernden Karren: Boxer und Skiwunder, und sie geben einem Mann, der eben aus der Untersuchungshaft entlassen wurde, nur deshalb eine Hauptrolle, weil er unter Mordverdacht an einer Prostituierten steht. Da scheint uns ein Weltstar der alten Schule, der sich mit schauspielerischen Qualitäten den Beifall immer neu erspielen muß, zur rechten Zeit wiederzukehren.

"Indiskret" (Warner Brothers), dessen Handlung im angemessenen Wohlstand angesiedelt ist, ist ein harmloses, nettes und lustiges Gesellschaftsspiel nach englischer Art, von schwebender Leichtigkeit und ohne ernste Absichten. Ingrid Bergman entfaltet Charme und entledigt sich mit Intelligenz der Aufgabe, einen UNO-Beauftragten (ein Herr mit Witz und Lust am Untertreiben: Cary Grant) zu irritieren und für sich zu gewinnen (Regie: Stanley Doneu).

Nun aber zu ihrem zweiten in England gedrehten Film (Buddy-Adler-Produktion der Centfox). Die meisten Filme ignorieren die Religion vollständig. Dieser hat sie in jedem Filmmeter. Die meisten Filme ignorieren die Wirklichkeit absichtlich und vollständig. Dieser aber, nach einem Tatsachenbericht entstanden, entbehrt der künstlerischen Form, die die Wirklichkeit überhaupt in den Griff bekommt. Daß der Film nicht überzeugt, liegt nicht an Ingrid Bergman. Sie spielt hier schlicht und mit Hingabe ein englisches Dienstmädchen, das trotz aller Widerstände einem inneren Ruf nach China folgt und dort Missionarin wird. Warum gerade dieses Thema im heutigen Stadium ost-westlicher Beziehungen gewählt wurde, wer weiß es? Stars brauchen eben Rollen!

Der Film erinnert am Anfang an die "Heilige Johanna" der Bergman. Am Schluß, wenn die Missionarin 100 Waisen aus einer entlegenen nördlichen Grenzprovinz vor den angreifenden Japanern über die Berge in ein britisches Missionarshaus in Sicherheit bringt, hat er Berührungspunkte mit Radvanyis Film der heimatlosen Kinder "Irgendwo in Europa" aus dem Jahre 1947. Aber der Regisseur Mark Robson brachte die humane Absicht durch den zu dick aufgetragenen Edelmut, durch Überladen der Dekorationen mit Chinoiserien und durch andere leere Äußerlichkeiten, wozu die Cinemaskope-Breite verführte, um seine Wirkung. Den Einzug der todmüden, fast verhungerten Chinesenkinder in die Stadt, die ihnen Zuflucht gewährt, pulvert der Regisseur zur großen Show wie in einem Musical auf.

Neben Ingrid Bergman sind der inzwischen verstorbene Robert Donat als Mandarin und Athene Seyler als ältere Missionarin in diesem anspruchsvollen, aber zweitklassigen Film erstklassige Besetzungen. Die alte Missionarin, eine jener energischen, fröhlichen und zähen alten Engländerinnen, die es sich in ihren Kopf gesetzt hat, das Evangelium durch die Maultiertreiber der Karawanen zu verbreiten, die in ihrer Herberge zur 6. Glückseligkeit anhalten (fünf Glückseligkeiten erstrebt der Chinese nach der Filmversion: Wohlstand, Gesundheit, Tugend, langes Leben und einen friedlichen Tod), stirbt leider plötzlich und zu früh durch den nichtgenannten Drehbuchautor.