Von Thilo Koch Fleißige Casanova-Forscher machten eine 45 Seiten lange Aufstellung seiner Einnahmen und Ausgaben – „soweit diese in den Erinnerungen aufgeführt sind“, und das Ergebnis ist: Casanova lebte vom Spiel, von Geschenken, finanziellen Transaktionen und Spekulationen, aus Lotterien und – von Autorenhonoraren, die freilich damals äußerst, äußerst mager wären und nur durch Subskriptionen hereinkamen.

„Kauft einen Papagei für 10 Guineen“, heißt es in jener Aufstellung, „verkauft ihn für 50 Guineen.“ Im Währungsgewirr scheint er sich gut ausgekannt zu haben. Mit leichter Hand – corriger la fortune – erwirbt er und verschwendet er: Zechinen, Dukaten, Lire, Paoli, Unzen, Taler, Dublonen, Goldquadrupeln, Piaster, Soldi, Louis, Franken, Gulden, Pfunde Sterling, Schillinge, Guineen, Rubel.

Oft ist er Gast und braucht für seinen Unterhalt nicht selbst aufzukommen; oft aber ist er auch Gastgeber, und er spart nie. Erst nach dem fünfzigsten Lebensjahr opfert er, wenn es sein muß, sogar seine Ehre für einen warmen und nahrhaften Unterschlupf; jetzt hält er auch die Hand auf die schwindenden Mittel. Das Äußerste mußte er in Spa erleben, wo eine bejahrte Engländerin ihn sich für vier Jahre als Geliebten – mieten wollte. Das war 1783, er zählte 58 Jahre.

Wie steht der „Paganini des Genusses“, der „Potenzprotz“ nach solchen Enthüllungen da? Finden wir ihn lächerlich oder bedauernswert? Wie oft mag er auf seinem Koffer gesessen und geweint haben ... Ein armes Schauspielerkind aus Italien, aufgewachsen bei einer Großmutter, ungeliebt.

Der nobelste Zeuge dieses Abenteurerlebens, der Fürst de Ligne, beginnt sein „Fragment über Casanova“ mit dem Satz: „Er war ein Mann von viel Geist, Charakter und Kenntnissen; in seinen Memoiren gibt er sich als einen Abenteurer, Sohn eines unbekannten Vaters und einer schlechten Schauspielerin in Venedig.“

Casanova selbst allerdings weiß über den unbekannten Vater zu berichten: „Gaetano Giuseppe Giacomo verließ sein elterliches Haus, bezaubert von den Reizen einer Schauspielerin, der sogenannten Fragoletta, die die Rollen der munteren Liebhaberin spielte. Ebenso verliebt wie mittellos, entschloß er sich, seinen Lebensunterhalt sich mit Hilfe seiner persönlichen Vorzüge zu verdienen. Er wurde Tänzer und fünf Jahre später Schauspieler, als welcher er sich noch mehr durch seinen tadellosen Charakter als durch sein Talent auszeichnete.“ (I, 32.)

Auch der Sohn Giacomo hat sich dann seinen Lebensunterhalt mit Hilfe persönlicher Vorzüge verdient. Nach eigenen Angaben brachte er es in Paris auf diese Weise bis zum Millionär. Mit geradezu simplizischer Einfalt faßt er in der Überschrift zum 16. Kapitel der Memoiren sein Leben in zwei Sätzen zusammen: „Ich werde ein Taugenichts. – Ein großes Glück entreißt mich der Erniedrigung, und ich werde ein großer Herr.“ Casanova hatte nie einen festen, eigenen Wohnsitz für längere Zeit; er gründete keine Familie. Obwohl ihn manches Mädchen fürs Leben gern geheiratet hätte – trotz allem, entkam er immer wieder dem gefürchteten Joch der Ehe, manchmal unter großer Härte gegen die Geliebte.