Man sollte die Dulles-Reise nach Europa nicht dramatisieren. Es ist nicht so, daß die westliche Allianz in allen Fugen kracht, wenn es einmal gewisse Schwierigkeiten bereitet, die verschiedenen Bündnispartner unter einen Hut zu bringen. Wenn der amerikanische Außenminister am Ende seiner Blitzvisite aus Bonn nach Washington zurückfliegt, dürfte er die interessierten Mächte auf einer mittleren Linie versammelt haben, die irgendwo zwischen der betonten taktischen Nachgiebigkeit Londons und der demonstrativen Pariser Hartnäckigkeit verlaufen wird.

Nichtsdestoweniger macht dieser unvorhergesehene, überraschend angekündigte und offenbar von einem Moment zum anderen beschlossene Besuch den großen Nachteil deutlich, in dem sich der Westen in jeder Auseinandersetzung mit den Sowjets befindet. Dieser Nachteil liegt einfach darin, daß es den Westen nicht gibt. Er ist eine Abstraktion, eine vereinfachende (und in ihrer Simplizität irreführende) Denkfigur.

Zum mindesten in Europa bildet der Ostblock eine Einheit, zentral dirigiert und diszipliniert, und jedenfalls nach außen hin ohne Bruchstelle. Der Westblock dagegen stellt letzten Endes nur eine Summe verschiedenartiger Interessen und daher auch verschiedenartiger Standpunkte dar, weil er kein selbstverständlich anerkanntes Zentrum hat und über keine Autorität verfügt, die aus eigener Machtvollkommenheit verhandlungsfähig ist, und weil die Welt von Washington aus anders aussieht, als wenn man sie aus dem Londoner, dem Pariser oder dem Bonner Blickpunkt betrachtet.

Es mag ganz natürlich sein, von Zeit zu Zeit wieder einmal an diese Tatsache erinnert zu werden. Je kritischer sich eine Verhandlungssituation zuspitzt, desto schwerer fällt sie nämlich ins Gewicht. Da es keine westliche Politik gibt, sondern nur eine amerikanische, eine britische, eine französische und eine bundesdeutsche, erwächst der Freien Welt an jedem Wendepunkt des internationalen Gesprächs immer aufs neue die Aufgäbe, aus vier ungleichen Schnüren ein haltbares Tau zu zwirnen. Und das ist allemal ein mühseliges Unterfangen.

Hier liegt das Handicap jeder Koalitionspolitik. Die Sowjets, die nur mit sich selber zu rechnen haben, können immerzu schneller, wendiger, übersehender manövrieren als ihre Gegner, die noch den gemeinsamen Nenner suchen müssen, während Moskau mit seinen Rechenoperationen bereits am Ende ist. Daraus erwächst aber auch fast zwangsläufig der russische Vorteil, einmal ums andere die Initiative ergreifen zu können. Selbst der kleinste westliche Vorschlag ist, weil er unter einer Vielzahl von Partnern abgestimmt werden muß, bereits zerredet und halb zu Tode diskutiert, bevor er in Moskau endlich vorgelegt werden kann. – Ganz abgesehen davon, daß die Geheimhaltung und der aus ihr resultierende Überraschungseffekt, mit dem die Russen so gut zu spielen wissen, im Scheinwerferlicht der westlichen (und besonders der amerikanischen) Publizität überhaupt nicht gedeihen kann.

Das ist keineswegs etwa nur ein technischer Nachteil. Es kostet den Westen nicht nur mehr Zeit und mehr Mühe, sich zu irgendeiner Initiative aufzuraffen; das wäre zu verschmerzen. Aber der Zwang, aus verschiedenen Standpunkten eine gemeinsame Formel zu destillieren, zieht auch politische Konsequenzen nach sich, weil jede solche Formel von vornherein bereits die Züge des Kompromisses an sich trägt. Das heißt, daß sie nichts anderes ist als die Resultante aus einer Vielzahl von keineswegs übereinstimmenden Meinungen und Ideen.

Und nicht nur dies. Wenn sich mehrere Mächte in langwieriger Prozedur zuerst darüber einigen müssen, was sie tun wollten, dann werden sie nur allzu leicht auf die einfachste Lösung verfallen: lieber gar nichts zu tun. Auf die Deutschland-Politik angewandt: wenn sie sich über die Richtung, den Charakter, die Tragweite ihrer Anregungen nicht einig werden können, dann liegt es nahe, daß sie die Linie des geringsten Widerstandes wählen – und das heißt: daß sie einfach die alten Projekte aus dem Schrank holen und ein wenig abstauben, um sie dann achselzuckend noch einmal auf den Verhandlungstisch zu legen.