François Mauriac und die Deutschland reise Michel del Castillos

Von Josef Müller-Marein

Im "Express" vom 29. Januar, dem Pariser Wochenblatt, das Mendès – France nahesteht, beginnt eine Spalte der Block-Noten, die François Mauriac dort allwöchentlich veröffentlicht, so: "Michel del Castillo kehrt soeben aus Deutschland zurück. Er, der als Kind deportiert war, sah die Hakenkreuzfahne flattern über Hamburg und fand überall eine Jugend, die in die Macht verliebt ist, moralische Werte verachtet und antisemitisch ist wie in den schönsten Tagen ..."

Es folgen die wohlbekannten Tiraden eines ebenso traditionellen wie verschimmelten Deutschenhasses, der noch manch anderen Greis in Frankreich veranlaßt, seinen Hund "Bismarck" zu nennen, und der in der Brust des Katholiken Mauriac so heiß brennt, daß er sich unlängst in Lourdes angeekelt abwandte, als er einen deutschen Priester die Messe lesen hörte. "Aus solchem Munde so heilige Worte" – nein, das ertrug er nicht.

Es war Jean-Paul Sartre, der bei anderem Anlaß – auf ein bekanntes Plakat anspielend, das für Mineralwasser Reklame macht – von François Mauriac sagte: L’eau benit, qui fort pchit! – Weihwasser, das pschit macht... Jedenfalls schließt Mauriacs "Express"-Monolog über das Deutschland unserer Tage mit dem Satz: "Die Ungeheuer fangen wieder an zu marschieren in ihrem Parademarsch, und die zukünftigen Krematorien vernebeln schon mit ihren Rauchwolken die Gehirne der wildgewordenen (furieux) Jugend."

Soweit Mauriac, der wieder einmal beweist, daß einer ein großer Schriftsteller sein und doch den Kopf voller Narreteien haben kann. Aber mit dieser Feststellung ist es nicht getan. Es fragt sich vielmehr, was der hochbegabte junge Schriftsteller Michel del Castillo dem alten Kampfhahn erzählt hat.

Ein Kind unserer Zeit