Die Farbwerke Hoechst AG, vormals Meister Lucius Brüning, Frankfurt-Höchst, segeln auch heute noch im Winde einer guten Mengenkonjunktur. Vorstandsvorsitzender Professor Winnacker konnte deshalb für 1958 von einer erneuten Steigerung des Umsatzes um mehr als 7 v. H. berichten. Sie liegt über dem Durchschnittssatz der deutschen Chemie-Wirtschaft, der nur 5 v. H. beträgt. Die Produktionskapazitäten waren in Höchst durchweg voll ausgelastet, die Grundstoffbasis wurde mit den neuen Anlagen über die Produktion von Phosphor, Karbid und durch den Ausbau der petrochemischen Anlagen gefestigt.

Die Entwicklung ist in den einzelnen Sparten unterschiedlich. Bei den Kunststoffen, Folien und Chemiefasern verläuft die Entwicklung nach wie vor stürmisch. Erfreulich ist auch die Lage bei den Pharmazeutica, obwohl gerade hier die Auslandskonkurrenz sehr scharf ist. Sowohl bei den alten klassischen Hoechster Arzneimitteln, wie auch bei neuen Erzeugnissen, nehmen Produktion und Absatz ständig zu. Schwieriger ist die Lage bei den Düngemitteln; die Entwicklung ist hier nur noch im Inland gut. Auf den Weltmärkten war dagegen der Wettbewerb scharf. Länder, die bisher große Kunden waren, haben eigene Stickstoffproduktionen in Gang gebracht. Sie führen nicht mehr ein, sondern exportieren. Vor allem ist die norditalienische Chemie, die über Erdgasvorkommen im eigenen Lande verfügt, ein sehr ernster Konkurrent geworden. Der Absatz von Farbstoffen leidet unter der Welttextilkrise; durch neue Farbstoffsortimente und Textiimittel wurde dies weitgehend ausgeglichen. Insgesamt kann man aber mit der Entwicklung zufrieden sein. Die in der Weltchemie wieder erreichte Stellung läßt sich jedoch nur sichern, wenn geforscht, geworben und investiert wird. Die Investitionsprogramme laufen deshalb planmäßig weiter. Seit der Neugründung des Werkes wurden von den Farbwerken Hoechst 1,3 Mrd. DM investiert. 1958 waren es 241 Mill., 1959 werden es mehr als 200 Mill. DM sein. Obwohl nach Beendigung des Wiederaufbaus ein recht erheblicher Teil der Investitionen über Abschreibungen hereingebracht wird (im vergangenen Jahr waren es 158 Mill. DM), muß zusätzliches Kapital in Anspruch genommen werden. Die Verwaltung wird in diesem Jahr das genehmigte Kapital in einem Betrage von 94 Mill. DM in Anspruch nehmen. Die neuen Aktien werden im Verhältnis von 5:1 zum Kurs von 150 v. H. den alten Aktionären angeboten. Die Verwaltung ist der Auffassung, daß das Aufgeld im rechten Verhältnis zum derzeitigen Börsenkurs steht, nichtsdestoweniger aber auch die Interessen der alten Aktionäre berücksichtigt.

Die Ertragslage von Hoechst ist zweifellos günstig. Dennoch wird man nicht die Augen davor verschließen dürfen, daß es schwieriger wird, große Gewinne zu erzielen. Es lastet auf den Hoechster Produkten ein starker Preisdruck. Im Schnitt sind die Preise um 1,5 v. H. zurückgegangen, vor allem im Ausland. Es gibt allerdings auch Kostenersparnisse; einzelne wichtige Rohstoffe und die Seefrachten wurden billiger. Das wird aber durch Tariferhöhungen bei der Bundesbahn und durch die steigenden Kohlepreise kompensiert. Mit Sorge bemerkt man in Höchst, daß im abgelaufenen Jahr, bei einer praktisch konstant gebliebenen Belegschaft, erstmalig die Lohn- und Gehaltssumme stärker als der Umsatz gestiegen ist. Die gesetzlichen sozialen Aufwendungen haben sich sogar um 16 v. H. erhöht. Professor Winnacker, dem mit Recht der Ruf eines Schrittmachers auf sozialpolitischem Gebiet vorausgeht, glaubt deshalb auch, vor Überspitzungen warnen zu müssen, weil sie nicht im Interesse der Belegschaft liegen können. Am Horizont zeigen sich so sicherlich einige Gefahren für die Gesamtentwicklung, die nicht übersehen werden dürfen, wenn die Ertragslage im Interesse von Aktionären und Belegschaft gesichert bleiben und die Zukunft weiterhin so gute Ergebnisse wie das Jahr 1958 bringen soll. Die Dividendenhöhe wurde bisher weiterhin verschwiegen. Die Ersparnisse aus der Körperschaftsteuer sollen aber weiter gegeben werden. W. R.