Von Richard Exner

Vielleicht muß man auf einer Zeitungsredaktion sitzen, um einen Begriff davon zu kriegen, wie viele hervorragende und verdiente Leute allwöchentlich 50, 60, 65, 70, 75, 80 Jahre und älter werden. Unmöglich, sie alle zu feiern, wie ihnen gebührt. Hier und heute eine Ausnahme – manchmal muß man ja Ausnahmen machen: Weil es eigentlich schon lange einmal notwendig war, einiges über Marcuse zu sagen, ist uns sein 65. Geburtstag mehr Vorwand als Anlaß dazu.

Wer es bedauert, den Traum seines Lebens – "daß an meinem Geburtstag, die Kinder schulfrei haben" – nicht erreicht zu haben, verdient, daß er schon zu Lebzeiten Freundliches über sich selbst hört und liest. Das erspart ihm, sich vorzustellen, wie der Nachruf einmal aussehen wird.

Als ich Ludwig Marcuse vor beinahe zehn Jahren kennenlernte, war er schon einige Zeit als Professor für deutsche Literatur und Philosophie an der University of Southern California tätig. In der ersten Vorlesung redete ich naiverweise hinein. Die verlegene Blässe der neun Mithörer, die ihn kannten, deutete mir an, was ich von nun an zu erwarten hätte. Am Nachmittag rief er mich an und – lud mich zu einer kleinen Gesellschaft nach Beverly Hills ein. In den darauffolgenden fünf Jahren hörte ich wohl alle seine Vorlesungen im Deutschen und in der Philosophie und wußte sehr bald, daß ich ihm einmal öffentlich danken möchte;

Unter den Lehrern, die ich kenne und bei denen ich hörte, war Ludwig Marcuse der anregendste. Wer ihn nur aus seinen streitbaren Artikeln kennt, weiß nicht, wieviel mehr als Streitbarkeit und Lust am Wortgefecht ihn bewegen, sich immer wieder zu exponieren. Man muß ihn einmal über das Tragische in der deutschen Literatur, über die Nacht-Seiten der Romantik, über amerikanisches Philosophieren (worüber im Rowohlt-Verlag bald ein Buch erscheinen wird) und über Geschichtsphilosophie gehört haben, um ihn dann auch aus seinen Büchern über Heine, Börne, Loyola, Freud, den Pessimismus und das Glück sprechen hören zu können. Da geht einem auf einmal auf, wie passioniert dieser Mann denkt, und formuliert, wie leidenschaftlich er mißverstandene, unverstandene und vergessene Autoren (wie Heinrich Mann und Döblin) verteidigt, wie unbeirrt er trotz des ihn umgebenden englischen Sprach- und Wirkungsbereiches die deutsche Sprache liebt, liest und übt und wie mutig er das, was er als deutsches Erbe erkannt hat, den Studenten vermittelt und bewahrt. Wieviel Mut in den Jahren nach dem Kriege in einer Stadt wie Los Angeles zu einer solchen Haltung gehörte, kann nur der wissen, der "dabei war".

Ludwig Marcuse hat einen beinahe untrüglichen Instinkt dafür, welche Wahrheiten von wem gerade nicht gehört werden wollen. Und gerade denen sagt er sie auf die unmißverständlichste Art. Das sind dann jene "Angriffe" (etwa auf Heidegger und Jung), die in einer Zeit, in der man gern die Dinge bis zur Unkenntlichkeit zulobt, nicht immer willkommen sind.

Als ich in seinem Studierzimmer einmal auf ihn wartete, nahm ich Thomas Manns "Doktor Faustus" aus dem Bücherschrank. Der Autor hatte hineingeschrieben: "L. M., dem guten und klugen Mann." Solch hohem Lob ist wenig hinzuzufügen. Er hat seine "Studenten" gelehrt (und die nicht bei ihm "gehört" haben, sollten es ab und zu in seinen Büchern nachlesen), wie beglückend es ist, sich zu begeistern, und wie aufregend, immer wieder der Wahrheit nachzusteigen, gerade weil man sich mitunter versteigen muß, um sie zu finden.