DieWiederkehr von Gürtel und natürlicher laille ist eine Rückversicherung für die Zaghaften: das aber mehr als die "richtige" Tailleniöhe oder Rocklänge zur zeitgemäßen Erscheinung gehören, zeigen die einheitlich wirkenden und doch so verschiedenen Modelle für Frühjahr und SomWo sich das Zarte und das betont weibliche mit dem Herben und Knabenhaften verbindet, liegt der Schnittpunkt der Frühjahrs- und Sommermode und ergibt eine der am besten gelungenen Tendenzen, die als ein festumrissener Genre zweifellos von Paris aus in wenigen Wochen in die Weltkonfektion einziehen wird. Mangels einer treffsicheren Übersetzung kann man ihn nur mit dem im Modejargon weltbekannten, pariserischen Wort flau bezeichnen: eine Linie, die weich und im Fluß begriffen ist, sich aber getreulich an die weibliche Gestalt hält "Flou" sind vor allem die zahlreichen Hemdblusenkleider, die man in der Mehrzahl der Pariser Häuser trifft, und die im Hause Dior einen wesentlichen Teil der von Presse und Einkäufern mit Wohlwollen aufgenommenen Kollektion ausmachen. Das Leitmotiv von Yves St. Laurent heißt "Zurück zur Natur", und die leise geflüsterte Frage "Wo- bleibt das Neue, wo sind die atemberaubenden Überraschungen?" konnten von NouveauteVJägern nicht unterdrückt werden. Aber Natürlichkeit läßt sici in Wolle und Seide recht verschieden ausdeuten: sie schließt bei Dior sogar die Rückkehr zum "wahren Tailleur — dem bewährten "Kostüm" — rieht aus, dessen Jacke ähnlich — aber eben nur "ähnlich" — wie der Anzug des Mannes geschnitten ist. Die Jacken haben normale, wenig unterlegte Schultern, einen Ausschnitt, der dem Hals niemals zu nahe kommt, sind etwas länger als bisher und werden von Röcken, die sich turn Saum ein wenig erweitern und das Knie mindestens handbreit bedecken, ergänzt. Von diesem anspruchslosen, kleidsamen Genre zweigt sich das gegürtelte Tailleur mit kurzem, lockeren Sclößchen ab.

Die Suche nach der Bluse fällt häufig negativ aus: ein ärmelloses Etuikleid, das eng wie ein Schwimmanzug anliegt und daher auf den Namen maillot hört, nimmt ihre Stelle ein. Diese eisern idealisierten Overall ähnelnden Hülle hat als Blickfang eine sehr breite, miederartige Gürtehmg, die man kurz; und unfreundlich mit Bauchbinde bezeichnen könnte, wenn dieser Körperteil nicht aus dem Vokabularium der Haute Couture 7erbannt wäre. Ein anderes Detail ist der schulterbreite, weit offene Matrosenkragen, dessen Vakuum von einem Westenteil ausgefüllt wird. Dieser Einsatz reicht vom Halsausschnitt bis zur Taille. Überall ist die normale Taillenhöhe zum Ruhepunkt für das Auge geworden: Die von der Schulter ausgehenden, flachen Plisseefalten heiterer, plissierter seidener Sommerkleidchen werden in der naturgewollten Körpermitte von schmalen, häufig gebundenen Stoffgürteln unterbrochen und nehmen dann ihren Weg bis zum Rocksaum wieder auf "Hüften, die bei einigen Couturiers —Jean Patou, Michel Goma, Serge Malta, und Madeleine de Rauch — durch gezogene und faltige Bauernröcke eine gewisse Existenzberechtigung erhalten, sind bei St Laurent nicht vorhanden: Selbst bauschige, drapierte, knöchellange Abendkleider nehmen von ihnen keinerlei Notiz. Plissierte Capes, Miniaturumhänge und Mäntel aus Seidenmousseline sind eine oft wiederkehrende Beigabe zum Chemisierkleid und leiten einen praktischen Trend: das Nachmittagskleid mit abendlichen Rechten! ein. Von klassischer, statuesker Wirkung sind lange, schmale, körpermodellierende Abendtoiletten aus Leichtgewichtsseiden.

Den stärksten Kontrast zur weichen, natürlichen Linie stellt der enge, jünglingshafte Kavaliermantel, Vs lang, mit klassischem Kragen und Revers dar, der an die Stelle der weiten, schilderhausförmigen Wintermäntel tritt und aus Tweed, Diagonalstoffen oder maskulin anmutenden Fischgrätwollen gearbeitet wird. Große, wippende Tweedhüte mit strohunterlegter, schmeichelnder Krempe unterstreichen ebenso wie leichtgewellte, ungekünstelte Frisuren den Typ der "Jolie femRäumlich, aber auch stilistisch gar nicht fern von Diors "Jolie femme" ist Pierre Baimains "Jolie Madame" zu Hause. Das Bild unserer Zeit kommt heute dem fast Tradition gewordenen Stil Baimains wie nur selten entgegen.

Madames kleinkarierte, pastellfarbene, ultraschlanke Redingote Mäntel zu zwanglos taillierten Jackenkleidern, die ihre Zugehörigkeit zum Mantel durch eine Einfassung aus Karowolle erkennen lassen. Wie die Schale einer Muschel hüllen Tagesmäntel mit weit nach vorn gerückten, tiefen Kimonoärmeln die Trägerin ein: sie schließen auf zwei oder vier überlebensgroße Perlmutterknöpfe. Baimains Vorliebe für Perlen, Muscheln und Perlmutt, für alles, was aus dem Meere kommt, bedient sich auch der Koralle als Ornament. Die "Jolie Madame" kleidet sich vom Morgen bis zum Abend figurbewußt" und mit halbsportlicher Eleganz, die sich nur durch völligen Verzicht auf ertüftelte Extravaganzen erzielen läßt. Wie bei Patou hat auch bei Baimain der Redingote eine. Verjüngungskur gemacht schlanker, Stoff armer Rockteil und leicht markier Taille —, und hier wie dort gibt es Hemdkleid — durchgeknöpft oder blusig — für alle Tage Zeiten. Roland Karl, Patous junger, aus Hambui stammender Modellist, zeigt die engste und a stärksten ausgearbeitete Corsage für Cocktail ui Abend, die nicht mehr weit von der Wespentail entfernf ist.

Von brillanter und vibrierender Jugendlid keit ist das Frauenbild bei Pierre Cardin, der — übermütiger Laune — das Hula Hopp Motto a Merkzeichen für reifenförrnige, sehr halsfen Schulterumrahmungen, für geschickt placierte Re fengürtel und in welligen Reifen angeordne Abenddrapierungen adoptiert hat. Seine Jackei kleider haben die engsten und gegenwärtig kü zesten Röcke (48 Zentimeter vom Boden entfernt "Wer wagt gewinnt" scheint die Schaffensforrn des jungen Couturiers zu sein, und es fragt si< nun, ob die mit vielerlei Rücksichten belaste Konfektion gleichen Wagemut aufbringen wir Der Ferne Osten hat es Lanvin Castillo ui Mme. Gres angetan, zwei Kollektionen, die bei Nachschaffenden ein gut entwickeltes Fingerspi zengefQhl voraussetzen. Denn der malerische Sa der indischen Tracht läßt sich zwar in geschickt Dosierung auf das moderne Kleid übertrage will aber von der europäischen Frau mit viel Sti Verständnis und gemessener Bewegung getragi werden. Um die Renasissance der Lingerie Blu hat sich Maggy Rouff ein Sonderverdienst e worben: Madeira Stickerei bringt Kühle in d sommerliche Bild.

Fast jede Saison führt den einen oder anden Neuling in dje schwer zu erklimmenden Reihi der Haute Couture Meister: In dem imposant! Palais an der Place Vendome, wo einst der en lische Finanzmagnat Mr. Law seine Börsenkuns stücke ausführte, und wo seit 15 Jahren Mm Bruyere eine auf den Geschmack der franzö: sehen Aristokratie abgestimmte Mode mit Erfo präsentierte, hatte Robert Car sein mit durc schlagender Publizität angekündigtes Debüt. D von ihm gegebene Name "Satellit" für ein chara teristisches Modell wies den Weg, den der Modeha einschlug. Der Neuling war zu kühn. Nur weni gegenwartsnahe Modelle zeugten davon, daß au die Herrin des Hauses eine Hand im Spiele hat Jacques Esterei, Ingenieur, Erfinder (80 Paten wurden ihm gewährt), Music Hall Künstler ui Chansonnier in den Boites von Montmartre h nunmehr seinen Erfindungsgeist auf das Modisd übertragen: in der Wahl seiner Stoffe und Färb; ist ein künstlerisches Moment nicht zu leugne Der Stil seiner oft gutgeschnittenen Kleider ui MänteJ spiegelt die moderne Filmerotik, die m Unschuld und Enthüllung gleichermaßen unbefai gen spielt. Kein Wunder, daß Sophia Loren, Ein beth Taylor und vor allem Brigitte Bardot sich j Exponenten seiner modischen Konzeption machte Katharina E. Russell