Die amerikanische Presse zwar war meist der Ansicht, Charles Wheeler Thayer, vor dem Krieg amerikanischer Diplomat in Hamburg und Berlin, nach dem Krieg unter anderem Chef der Stimme Amerikas, Verbindungsoffizier zur Bundesregierung und Kommissar für Bayern, seit 1953 tätig als politischer Publizist, beurteile die Deutschen mit großer, wenn nicht gar zu großer Sympathie. Dennoch ist nicht abzusehen, wer alles meinen wird, er sei im Deutschlandbuch von

Charles W. Thayer: "Die unruhigen Deutschen"; deutsch von Herbert Schlüter; mit einem Vorwort vor Carlo Schmid; Alfred Scherz Verlag, Stuttgart; 238 S., 15,80 DM

nicht nach Gebühr gewürdigt worden und müsse protestieren. Dieses Buch wendet sich an den ruhigen Deutschen, den, der nicht gleich in Harnisch gerät, wo von Deutschland die Rede ist.

Die überarbeitete und auf den neuesten Stand gebrachte deutsche Fassung macht aus diesem Buch für Amerikaner noch kein Buch für Deutsche. Freilich kann es nützlich sein, zu sehen, wie wir in den Augen anderer erscheinen. Was erfahren die Amerikaner von Thayer über uns?

Sie bekommen nicht nur ein paar skizzenhafte Porträts Prominenter, die Thayer kennenzulernen Gelegenheit hatte (Adenauer, Schumacher und Krupp unter anderen) – Thayer stellt ihnen auch eine Reihe gewöhnlicher Deutscher aus allen sozialen Schichten vor, wie schon Mme. de Staël forderte: "Um den Charakter einer Nation zu beurteilen, muß man das gewöhnliche Volk untersuchen."

Darüber hinaus erfahren sie, was vielen Deutschen, da es ein Amerikaner ausspricht, angenehm in den Ohren klingen mag: daß die amerikanische Besatzungspolitik nicht immer glücklich war. Die Entnazifizierung war ein Fehlgriff, und das kostspielige Umerziehungsprogramm ist schließlich ohne spektakulären Erfolg geblieben.

Weniger gern werden diese Leute hören, wie sehr sich Thayer über die Großzügigkeit wundert, mit der man hierzulande Unangenehmes aus der Vergangenheit unter den Tisch fallen läßt.