Von Heinrich David

Jenseits des Limes, liebe Norddeutsche, oder vielmehr – denn jetzt spreche ich zu den Lesern im zivilisierten Teil Deutschlands – diesseits des Limes, der sich noch immer als unsichtbare Scheidelinie zwischen römischer Kultur und germanischer Unkultur durch unser Land zieht, haben in diesen Tagen nicht nur Dichter und Müßiggänger, sondern auch fleißige Menschen und gute Staatsbürger einen Rechtsanspruch auf jene gehobene Stimmung, die mit dem sprachlich ungeklärten Worte Karneval verbunden ist.

Der Karneval hat nichts mit Unmoral zu tun; die Moral bleibt vielmehr vollständig erhalten, sie wird nur in dieser Zeit außerordentlich dehnbar, ja, ihre Elastizität gewinnt auf diese Weise von Jahr zu Jahr und von Generation zu Generation.

Dem echten Karnevalisten werden gerade auf dem Höhepunkt der Kampagne, in den letzten achtundvierzig Stunden vor Aschermittwoch, die Grenzen seiner finanziellen Leistungskraft bewußt. Dieser Vorgang ist von großer volkswirtschaftlicher Bedeutung: die Hybris des "Wirtschaftswunders" wird gedämpft. Der orthodoxe Karnevalist wäscht am Aschermittwoch seine Geldbörse am Rhein aus, um seinen Mitbürgern zu zeigen, daß sie wirklich leer ist. Leider hindert die Tatsache, daß wir hierzulande von Hamburgern, Niedersachsen, Holsteinern und ähnlichem Barbarenvolk majorisiert werden, den Bundesgesetzgeber daran, mit dem ersten Fastentag auch alle Bankkonten zugunsten wohltätiger Zwecke verfallen zu lassen.

Weinbau und Weinhandel sehen allerdings den Hauptzweck dieses Volksfestes nicht in der Illiquidität, sondern vielmehr in der Bereitstellung von Fässern und Flaschen für den jungen Wein; in keiner anderen Jahreszeit besteht ein so starkes Interesse daran, die alten Bestände an das Publikum abzustoßen, wie jetzt. Indessen wird diese Betrachtungsweise dem historischen Ursprung des Karnevals nicht gerecht, denn er geht nicht auf Bacchus, sondern auf den würdigen Saturn zurück...

Damit sind wir wieder bei den alten Römern, auf die man sich überall am Rhein und an der Mosel so gern beruft, die aber auch an der Donau und Isar ihre Saturnalien gefeiert haben. Daher kann auch niemand beweisen, daß der Karneval in München oder Rottweil weniger heimisch sei als in Köln oder Mainz. In der Tat: die Grenze des närrischen Reiches, über das er sein Zepter schwingt, fällt ziemlich genau mit der befestigten Grenzlinie zusammen, die Domitian, Trajan und Hadrian durch das Germanenland zogen und die bis zur Völkerwanderung zwei Welten voneinander schied. Daß der Limes noch heute diejenigen, die sich der Narretei beugen, von den anderen trennt, denen es der Ernst des Lebens verbietet, ist um so merkwürdiger, als die Karnevalstradition vom Dreißigjährigen Kriege bis etwa zur Zeit Napoleons unterbrochen scheint.

Erst vor anderthalb Jahrhunderten nämlich wurde das Maskentreiben wieder allgemein. Es wurde ergänzt durch jene Fremdensitzungen, in denen sich der Geist rheinischer Liberalität gegen die Despotie und gegen die Reaktion zu regen begann...