Als das nach New York ausgelaufene größte deutsche Passagierschiff, die Hanseatic, mit annähernd 500 Passagieren wegen einer dringenden Maschinenreparatur bei dem Feuerschiff Elbe Drei nach Hamburg zur Werft zurückkehren mußte, begann an Bord des "Musikdampfers" die große Zeit des Vergnügungsoffiziers Müller. Er inszenierte einen bayrischen Karnevalsabend und erfand neue Spiele. So wurden auch Schachwettspiele, Tontaubenschießen am Sportdeck in der Frühe und sonstige Talentproben veranstaltet.

Von den Passagieren "stiegen" nur 15 Fahrgäste aus; sie benutzten das Flugzeug oder andere Schiffe, um möglichst schnell nach New York zu kommen. Die anderen zogen es vor, das Bordleben zu genießen, wobei auch natürlich die Hamburger Reeperbahn eine "wichtige" Rolle spielte.

Die Hanseatic ist ein Bahnbrecher besonderer Art: Einst "arbeitete" sie als Truppentransporter, und diese Schiffe haben einen großen Vorteil: sie liegen besonders gut im Wasser. Revolutionär ist, daß sie nur 80 Passagiere in der ersten Klasse mitnehmen kann, während in der Touristenklasse für 1160 Personen Platz ist. Freundliche Räume, das Notwendigste ist durchaus vorhanden. Die Idee, die sich als richtig erwies: Die Passagiere wollen etwas erleben und sind so meistens nicht in ihren Kabinen!

Die Reise – über Le Havre, Southampton, Irland – dauert bis nach New York acht und einen halben Tag. 470 Besatzungsmitglieder sorgen für die Sicherheit der Passagiere des mit 20 Knoten über die Atlantik-Piste "donnernden" 30 000 Tonners.

Das von dem einstigen Chef der "Italia", Kapitän Paul Thormölen geführte riesige schwimmende Hotel gehört Vernicos Eugenides, dem Zigarettenfabrikanten Reemtsma und Direktor Christensen und schließlich der Hamburg-Atlantik-Linie. Es fährt unter deutscher Flagge, und die deutsche Gemütlichkeit spürt man ganz gut an Bord, wie mir ein Amerikaner lächelnd erklärte.

Die Hanseatic war ein Experiment. Wer, so fragte man sich, fährt zu Zeiten der Düsenverkehrsflugzeuge noch in acht Tagen über den Atlantik? Sie fahren "alle" mit dem Schiff: der Holzfäller aus Kanada, der Manager aus der Neuen Welt und die Filmschauspielerin aus dem alten Europa. Der Werbeslogan sagt: Erholt euch, spannt acht Tage aus, laßt euch verwöhnen! Er zieht die Passagiere an. Und davon verstehen die Leute der Hanseatic etwas!

Der schnellen Arbeit der Howaldt-Werft ist es zu danken, daß die Hanseatic nach acht Tagen wieder auslaufen konnte. Sie ist soeben in New York angekommen. Leider wird die erste der geplanten Reisen nach Westindien ausfallen müssen – doch auch in der "Seefahrt geht die Sicherheit vor", wie mir die Atlantik-Linie bereitwillig versicherte. Christian Molitor