Von Paul Hühnerfeld

Wir halten uns für die gelehrteste Nation", schreibt Johann Peter Hebel in einem seiner theologischen Aufsätze, und er meint damit uns Deutsche. "Wir sind’s auch leider", fährt er fort, "wenigstens die schreib- und leselustigste, wenn’s damit getan wäre. Aber wo ist der reine lebendige Sinn, der das Wahre und Schöne aus dem Leben saugt? Wo das innige, rege Gefühl, mit welchem der wahre Mensch das Wahre und Schöne sich vereigentumt?... wo die Gabe, rein und klar wiederzugeben, was man so empfangen hat?"

Ja, er kannte seine Pappenheimer, will sagen, seine Abonnenten, und er hat in seinen Kalendergeschichten nichts anderes versucht, als ihnen in ihr alltägliches Leben auf eine ganz einfache Weise Werte zu vermitteln, Gefühle für das Wahre und Echte anzuerziehen. Denn es war damals eine Zeit, in der man glaubte, daß man den Menschen zum Schönen und Wahren wohl bringen könne, wenn man’s nur recht versuchte. Ob auch der kluge, ja, man scheut sich nicht zu sagen, schlaue und listige Johann Peter Hebel das freilich ganz geglaubt hat, ist doch wohl fraglich...

Wer sich von der paradoxen Weitläufigkeit dieses provinziellsten aller deutschen Genies jetzt – rund 150 Jahre nach dem Erscheinen des Rheinländischen Hausfreundes – überzeugen will, hat an Hand einer ungemein sorgfältig edierten Neuausgabe von Hebels Arbeiten –

Johann Peter Hebels Werke, 2 Bände; Atlantis Verlag, Zürich; 560 und 554 S., zus. 24,– DM

– Gelegenheit dazu. Die Herausgabe dieser zweiten durchgesehenen Auflage besorgte Wilhelm Altwegg mit, nun alemannischer Akribie. Das Nachwort, das sich für unsere heutigen Verhältnisse ungewöhnlich lang über Schreibweisen und Veränderungen, Nachverse erster und zweiter Hand ausläßt, zeigt, daß hier ein Kenner und routinierter Handwerker der Philologie seines Amtes waltete.

Das also ist in Ordnung, und wir brauchen uns nicht weiter darum zu kümmern. Aber es kann dem Genie des Johann Peter Hebel nicht schaden, wenn man an Hand dieser trefflichen Ausgabe seine Problematik als solche aufwirft. Hebel selber, dies zeichnet ihn aus vor anderen deutschsprachigen Genies, hat ja kaum nach der Ewigkeit geschielt. Der Mann, der ein Dichter wurde, hat sich selber vorzüglich wohl für einen Pädagogen gehalten. Und die ketzerische Vermutung liegt nahe, daß er, dem es auf Breitenwirkung ankam, lebte er heute, Redakteur beim Fernsehen oder bei einem Boulevardblatt wäre.