G. Sch., Hannover

Ein Prozeß ist beendet, ein böser Prozeß. Er hat eine große Publicity gefunden. Drei Menschen standen vor dem Schwurgericht Hannover.

Da war zunächst Inge Marchlowitz. Die Ermordung zweier Familienväter namens Bick und Engels war zu ihrem "Fall", zum Fall Marchlowitz geworden. Der – nach Ansicht des Schwurgerichts – wirkliche Mörder, Gerhard Popp, rückte in die zweite Linie, und der Mitangeklagte Ewald Melzer stand gleichsam an der Peripherie, obwohl er, wir wissen es nicht genau, die Schlüsselfigur zu dem grausigen Geschehen gewesen sein mag.

Das Interesse der Öffentlichkeit richtete sich also vornehmlich auf ein Mädchen, das zur Zeit der Tat sechzehn Jahre alt war. Und es ist bezeichnend, daß sie, die zu sieben Jahren Jugendstrafe verurteilt worden ist, immer noch mit vielen schriftlichen Heiratsanträgen bedacht wird.

Millionen haben immer wieder das Bild der "schwarzen Inge" gesehen, doch ein Bild von dieser jugendlichen Verbrecherin hat sich niemand machen können. Auch der Prozeß brachte da nicht viel Klarheit. Sie saß auf der Anklagebank: ein konventionell hübsches Mädchen mit Ponyfrisur. Man registrierte: ein energieloses Kinn, die Unterlippe schwächlich eingezogen, das Gesicht eher aufgeweicht als weich (in zehn Jahren wird sie wohl ein wenig mollig-wabbelig aussehen). Die Augen wirkten manchmal leicht melancholisch, dann wieder trotzig, immer aber: mißtrauisch. Zuweilen, wenn von ihr oder Popp nicht die Rede war, sah sie durch die Fenster des Schwurgerichtssaales: unbeteiligt, einsam, gleichsam blicklos. Man glaubte durchaus, daß sie nichts anderes war als die ergebene Dienerin eines skrupellosen "Herrn".

Gerhard Popp heißt er und ist neununddreißig Jahre alt. Ein schmächtiges Jüngelchen mit unfertigem Profil, klein, fast zierlich, infantile Hände, die niemals boxen konnten, sondern immer nur schnell zur Pistole griffen.

Popp hat gesagt, daß die Erinnerung an seine Jugend zerfranste Hosen seien; er war das Kind der ärmsten Leute in einem armseligen Dorf. Messerscharfe Lippen, gletscherkalte Augen, eitel gewellte Haare: das Porträt eines Schwächlings, der seine Schwäche nicht wahrhaben will und sich und anderen Kraft vorspielt.