London, im Februar

Zu Finanzberatungen mit Kolonialminister Lennox-Boyd seien die Gouverneure der vier ostafrikanischen Kolonien Großbritanniens letzte Woche nach Chequers, dem Landsitz des englischen Ministerpräsidenten, gekommen, hatte es zunächst geheißen. Aber bald sickerte durch, daß in den Gesprächen viel größere und entscheidendere Probleme im Vordergrund standen: Vor allen Dingen die Frage, wie England seine Interessen und seine weißen Untertanen vor der Woge des ostafrikanischen Nationalismus beschützen könne.

Die vier Territorien, die die Gouverneure in Chequers vertraten, werden nächstes Jahr, wenn erst einmal Nigeria unabhängig geworden ist, das größte zusammenhängende Reststück des britischen Kolonialreiches darstellen. Es handelt sich dabei um Uganda, um Kenia, um das frühere deutsche Gebiet Tanganjika und um die muselmanische Insel Sansibar (bis zum Austausch gegen Helgoland ebenfalls eine deutsche Kolonie).

Nun ist man sich in London schon seit mehreren Jahren darüber einig gewesen, daß mit Ausnahme Kenias ganz Britisch-Ostafrika auf dem Wege zur Unabhängigkeit sei. Aber man war dabei doch von der Voraussetzung ausgegangen, daß es möglich sein werde, die schrittweise Gewährung der Unabhängigkeit mit der Errichtung einer "vielrassigen" Regierung zu verbinden und so die weißen Siedler und die indische Bevölkerungsgruppe gegen die intensive Ausstrahlung des afrikanischen Nationalismus abzuschirmen.

Die Ostafrikaner besitzen ja viel weniger Reichtümer oder politische Erfahrung als ihre Rassegenossen im Westen des Kontinents, und die indischen und arabischen Einsprengsel wie die Spannungen zwischen den einzelnen Stämmen komplizieren die Verhältnisse noch obendrein. Aus all diesen Gründen waren die Briten – trotz des Mau-Mau- Aufstandes vor sechs Jahren – der Meinung, Ostafrika müsse langsamer und umsichtiger auf die Unabhängigkeit hingesteuert werden als der Westen des Schwarzen Erdteils.

In letzter Zeit sind nun freilich mehrere Ereignisse eingetreten, die die Zuversicht erschüttert haben, daß solch eine planvoll gelenkte Politik heute noch durchgeführt werden kann. Der Pan-Afrikanische Kongreß, der im Dezember in Ghana stattfand, enthüllte eine ganz neue Einigkeit der "Schwarzen Front". Die Ostafrikaner waren dabei überaus stark vertreten. Der Führer der Tanganyika African National Union (TANU), Julius Nyerere, hat im Sommer bei den ersten Wahlen der Kolonie einen aufsehenerregenden Sieg errungen. Sein Kollege in Kenia Tom Mboya, der dem Kongreß in Accra präsidierte, hat zudem in seinem Lande eine mächtige Nationalbewegung geschaffen, die den Versuch, eine Vielrassenregierung mit starker weißer Mehrheit zu errichten, boykottieren soll.

Schließlich aber haben die Unruhen im belgischen Kongo das Denken der Engländer über die afrikanischen Probleme gewaltig verändert. Der Traum vom "Paradies Kongo" ist geplatzt. Und mit Macht hat sich die Erkenntnis Raum verschafft, daß kein Land seine Tore vor dem Druck des afrikanischen Nationalismus länger zu verschließen vermöge: Es gibt keine wasserdichten Schotten, die einzelne Kolonien gegen die nationalistische Flutwelle abdichten könnten.