Wie leben die Menschen in der Zone? Was treibt sie zur Flucht? Eine Umfrage, die das Münchener Institut "Infratest" im Auftrage des Bundesministers für Gesamtdeutsche Fragen durchgeführt hat, wirft auf die Motive der Zonenflüchtlinge neues Licht. Sechshundert Frauen in den Lagern Ülzen, Berlin und Gießen haben den Interviewern dabei das Alltagsleben in der Sowjetzone geschildert.

Sechshundert Frauen – sechshundert Flüchtlinge ... Wirtschaftliche Not hatten sie wohl nicht zu leiden, wenn es ihnen auch schlechter ging als dem Durchschnitt der Bevölkerung in der Bundesrepublik. Warum also sind sie geflohen?

In ihren vier Wänden – und das erzählen sie ziemlich übereinstimmend – konnten sie dem politischen Druck des Regimes durchaus entfliehen. Die meisten von ihnen konnten sich auch vor politischen Veranstaltungen "drücken", zu deren Besuch sie dauernd angehalten wurden: 96 Prozent aller befragten Frauen mußten von ihrer freien Zeit nichts für den Propagandarummel des Systems hergeben. Bei den Studenten, Lehrlingen und Oberschülern ist das anders, aber im großen und ganzen ist es der Bevölkerung doch gelungen, sich in ihrer privaten Sphäre dem politischen und ideologischen Druck zu entziehen.

Es gibt zwar Haus- und Straßenvertrauensleute. Ursprünglich hatten die Russen sie eingesetzt, damit sie die Bevölkerung zu Aufräumungsarbeiten und zu Dienstleistungen für die Rote Armee heranzogen. Später stellten sie Führungszeugnisse aus, die man bei der Entnazifizierung brauchte. Schließlich verteilten sie die Lebensmittelkarten und bekamen damit Macht. Manche wurden gewiß auch zur Mitarbeit beim Staatssicherheitsdienst geworben. Aber im großen und ganzen verloren sie immer mehr an Bedeutung.

Von den befragten Frauen wußten 50 Prozent nichts von der Existenz eines Hausvertrauensmannes, oder sie antworteten schlicht: "Es gibt keinen Hausvertrauensmann." Weitere 38 Prozent kamen gut mit ihm aus. Nur 5 Prozent hatten zu ihm schlechte Beziehungen und fürchteten ihn. Aber es waren nicht immer politische Gründe, die dazu geführt hatten.

Einmütig lehnen die befragten Hausfrauen die Jugendweihe ab. Es ist unmöglich, den Glauben und dies zu vereinbaren. – Das widerstrebt uns als Christen. – Kinder, die mit Gott aufwachsen, haben ein Fundament. Die Jugendweihe steht auf dem Boden des Sozialismus. Diese Menschen werden rücksichtslos gegen andere – ähnlich urteilen sie fast alle. Heftig lehnen die Frauen die "Jungen Pioniere" ab: "Das war wie bei Hitler."

All diese Gründe haben die Befragten aus der Heimat getrieben. Mit dem Wirtschaftsgeld wären sie schon ausgekommen. Im Monatsdurchschnitt machte das Brutto-Haushaltseinkommen 675 DM-Ost aus. Sie mußten drüben mehr für Lebensmittel ausgeben als hüben, nämlich 59 gegenüber 39 v. H. bei uns. Dafür liegen die Mieten niedriger, wenn auch die Wohnungen schlechter sind. Für Bekleidung geben sie nur zehn v. H. aus (bei uns 15). Das liegt freilich nicht zuletzt daran, daß die Auswahl drüben sehr viel kleiner ist.