Problem-Film im überholten Ufa-Stil

Dieser erste Problem-Film der Ufa Solange das Herz schlägt" (jetzt auch in Hamburg, Barke) ist ein Film-Problem. Das hebt schön an mit Bildern einer anmutigen Stadt; man erkennt Stuttgart. Mit guten Gesichtern. Und bald ist auch das Krankenhaus da, ein Lieblingsort unserer Problem-Filme. Das Thema ist ernst und aktuell. Der Regisseur Alfred Weidenmann (von dem wir "Canaris", aber auch "Scampolo" kennen, "Alibi" und "Kitty und die große Welt") sah es so: "Drei Schwerpunkte weist der Film auf – das Aneinander-Vorübergehen im täglichen Leben, die Wandlung eines Menschen im Angesicht des Todes und den Gewissensdruck der Ärzte, die zu entscheiden haben, ob sie einem Schwerkranken (Krebs) die Wahrheit sagen sollen oder nicht." Wenn Weidenmann es nur hätte sichtbar machen können! Kühn steuert der Film sein Thema an, aber als es schwierig wird, verläßt er es und drückt sich um die Schwere der Antwort.

Nachdem der todkranke Oberstudiendirektor seine Röntgenplatte gestohlen, tatsächlich gestohlen hat, verschafft er sich Gewißheit über die harte Wahrheit, indem er mit einem schnöden Trick seinen Schularzt übertölpelt. Selbst Ludwig Linkmann kann diese Episodenrolle des Arztes nicht in die Nähe der Wirklichkeit führen. Die dann folgende lebensgefährliche Operation geht natürlich gut aus. Zu zeigen, wie sich die Menschen verhalten hätten, wenn der lebensgefährliche ärztliche Eingriff nicht gewagt worden wäre, das wäre eine Aufgabe gewesen, wert, von einem Regisseur wie Weidenmann angepackt zu werden! Auch ein zweites Problem löst sich so leicht auf: Der Schüler des Gymnasialdirektors und vernachlässigte Sohn eines Managers, der sich in der blitzneuen Werkhalle des Vaters aus schwindelnder Höhe herabstürzen will, läßt es bleiben. Da gibt es effektvolle Bilder und effektvolle, aber etwas altmodische Bildschnitte. Und Klischees, wie das Bild dieses Managers des Wirtschaftswunders. Womit nicht gesagt werden soll, daß es solche Manager nicht gibt. Aber die Szene wird leer und schal durch solche oft strapazierten Typen. Ernst Schröder hat sichtlich Mühe, diese Charge mit Leben zu füllen.

Im Hause des Oberstudiendirektors aber, in dem sich der größte Teil der Handlung abspielt, geht es teilweise zu wie bei einer Schüleraufführung (der Nachwuchs des Ufa-Studios sollte noch ein bißchen wachsen), teilweise noch unechter. Wie hier eine Frau sich verhält, der ihr Mann mitteilt, daß er Krebs hat und daß es keine Rettung mehr gibt, das ist haarsträubend unnatürlich. So sahen wir die ausgezeichnete Schauspielerin Heidemarie Hatheyer noch nie. Wie grau und seelenlos ist das, und welche Flamme müßte hier lodern! Wenn so Umgangston und Atmosphäre im Hause unserer besten und, wie hier angedeutet wird, vorbildlichen Erzieher wären, dann gute Nacht! Das Gefühl ist hin, in unser aller Herzen vielleicht; am sichersten aber in den Filmherzen. Allein O. E. Hasse als Hauptakteur ist leise, menschlich, aber zu harmlos. Die Grenzen sind zu eng gesteckt. Hans Christian Blech ist unauffällig der Chirurg, Charles Regnier wie immer angenehm unpathetisch ein Lehrer. Zwei sympathische neue Filmgesichter: die Bühnenschauspielerin Eva Katharina Schultz und der sensible junge Volker Bobnet. Viel Arbeit steckt in diesem von Igor Oberberg konventionell und kunstvoll photographierten und auf vielzitierten, sagenhaften Ufa-Hochglanz polierten Film – doch, leider, vergeblich. Erika Müller