Von Theo Sommer

Weimar ist weit. Die dreißig Jahre alt waren, als die erste deutsche Republik auf dem Gipfel ihrer kurzen Geschichte stand, sind heute angehende Sechziger. Ihnen ist wenigstens die Erinnerung geblieben. Die anderen, wir anderen, die ganze Generation danach, wir haben nicht einmal die Erinnerung. Wir haben nur die Memoiren – und die trübe Hinterlassenschaft der Schlagworte, die zuweilen noch durch die politischen Debatten unserer Gegenwart geistern: Rapallo, Verzichtpolitik, Revisionismus.

Bonn ist nicht Weimar, wie René Allemann in einem ganzen Buch bewiesen hat. Und doch: in Weimar hat Bonn, als der Spuk des Dritten Reiches verflogen war, seinen Anfang suchen müssen: es wurde Vorbild und Gegenbild zugleich, Warnung und Mahnung, Wunschtraum und Zwangsvorstellung. Ohne Weimar wäre das Dritte Reich nicht zu erklären – aber auch nicht die Bundesrepublik.

Deshalb ist es gut, daß sich die historische Forschung mehr und mehr der Weimarer Epoche annimmt. Und so verständlich es erscheint, daß sie die Innenpolitik in den Vordergrund der Untersuchungen rückte, solange uns selber noch vornehmlich Strukturfragen unseres jungen Staates auf der Seele brannten, so sehr ist es zu begrüßen, daß sie nun ihre Aufmerksamkeit auch stärker der Außenpolitik zuwendet. Denn die Außenpolitik war das Schicksal der Weimarer Republik, wie sie das Schicksal der Bundesrepublik geworden ist.

Drei neue Werke, alle aus Quellen geschöpft, die den deutschen Historikern bislang verschlossen gewesen sind, nämlich aus den Akten der Wilhelmstraße und dem Nachlaß Gustav Stresemanns, machen die schicksalhafte Bedeutung der auswärtigen Beziehungen für die Weimarer Zeit deutlich.

Kaum einer, dem sich bei der Lektüre dieser drei Bücher nicht das Wort vom Primat der Außenpolitik aufdrängte – nicht im Sinne eines dogmatischen Postulats, sondern als nüchterner Ausdruck einer unentrinnbaren Bedingtheit aller deutschen Staatskunst. In jenem Bismarckschen Sinne also, nach dem es in der Außenpolitik (im Gegensatz zu der weniger dramatisch verlaufenden innerstaatlichen Entwicklung) eben Momente gibt, "die nicht wiederkommen", Momente, die genutzt sein wollen, soll die Politik nicht in ein "Stadium passiver Planlosigkeit" treten, die nach den Worten des ersten Reichskanzlers "für keinen Staat schwerer zu ertragen ist als für uns in der Mitte, in der wir uns in Europa befinden".

Die Aufgabe, die diese Mittellage den deutschen Staatslenkern stellte, war schwer genug zu meistern, solange das Reich relativ stark war. Sie wurde indes schier unlösbar, als es geschlagen war und geschwächt: nach Versailles ebenso wie nach Potsdam. Die Weimarer Staatsmänner scheiterten an dieser Aufgabe, und die Bonner sind von ihrer Lösung mindestens noch weit entfernt.

Die Gründe für das Scheitern Weimars treten in der gewichtigsten der drei Darstellungen mit bestürzender Klarheit zutage:

Ludwig Zimmermann: "Deutsche Außenpolitik in der Ära der Weimarer Republik"; Musterschmidt-Verlag, Göttingen; 486 S., 35,– DM.

Ohne Vorurteil und ohne parteipolitische Tendenz verfolgt der Erlanger Historiker den Faden der geschichtlichen Entwicklung durch die Wirrnis des Geschehens. Er legt die Hauptströme frei und spürt dem Fluß der Ereignisse bis in die kleinsten Verästelungen nach, durchmißt Deutschlands Weg von der Niederlage bis zum Völkerbund in allen Höhen und Tiefen: Ruhrkampf und Reparationen, Rapallo und Locarno, Genf und das vergebliche Streben nach Gleichberechtigung.

Zimmermann läßt vor allem die Akten sprechen. Das ist die Stärke seines Buches, aber es macht zugleich seine Schwäche aus. Hinter Memoranden drohen die Menschen zu verblassen, und die unterkühlte Sachlichkeit des Forschers wirkt streckenweise frostig. Daß es dem Werk dennoch nicht an innerer Dramatik gebricht, liegt an dem erregenden Stoff und an der vorbildlichen Art, in der seine Überfülle gebändigt wird. Dies sichert der Zimmermannschen Studie für lange Zeit den Rang eines Standardwerkes.

Die beiden anderen Arbeiten, die Teilaspekte der Weimarer Außenpolitik behandeln, ergänzen Zimmermanns Werk in mancher Hinsicht und kommen im wesentlichen zu den gleichen Erkenntnissen. Eine glänzend geschriebene Studie, die vor allem dazu angetan ist, mit den Legenden-, die sich um Rapallo und überhaupt um die Weimarer-, Rußlandpolitik gerankt haben, gründlich aufzuräumen, bietet dabei

Herbert Heibig: "Die Träger der Rapallo-Politik"; Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen; 214 S., 16,80 DM.

Im übrigen zeichnet Helbig ein faszinierendes Bild des Grafen Brockdorff-Rantzau, der als Botschafter in Moskau der vornehmste Träger der Weimarer Rußlandpolitik war – eines Kapitels der Weltgeschichte, "dessen das deutsche Volk sich nicht zu schämen braucht".

Helbigs Untersuchung macht überaus deutlich, wie sehr sich die machtpolitischen Konstellationen seit Rapallo und Berlin, geändert haben und wie weltfremd es wäre, heute sehnsüchtig nach der "guten alten Zeit" deutsch-sowjetischer Zusammenarbeit zurückzublicken.

Eine andere Facette der Weimarer Außenpolitik beleuchtet

Christian Höltje: "Die Weimarer Republik und das Ostlocarno-Problem 1919–1934"; Holzner-Verlag, Würzburg; 306 S., 24,– DM.

Es geht hier um das Bestreben Frankreichs, Polens und der Tschechoslowakei, ähnlich der 1925 in Locarno getroffenen Regelung, durch die Deutschlands Westgrenze unter Garantie gestellt wurde, auch für die Ostgrenzen des Reiches, wie sie der Versailler Vertrag gezogen hatte, eine Garantie zu erreichen. Dazu haben sich freilich kein Weimarer Staatsmann und keine einzige Partei je bereit erklärt. Das Reich schwor zwar einer gewaltsamen Änderung des Status quo ab, doch der Möglichkeit einer friedlichen Revision wollte es sich zu keiner Zeit begeben. Es war dies also, wenn wir so wollen, das Oder-Neiße-Problem der Weimarer Republik.

Höltjes Studie ist eine fleißig recherchierte Dissertation, in der mit großer Akribie nachgewiesen wird, wie berechtigt die deutschen Revisionsforderungen waren und wie sehr diese Berechtigung auch in weiten Kreisen des Auslandes anerkannt worden ist. Gerade weil aber die ganze Arbeit deutlich im Hinblick auf die Lösung des Problems Ostmitteleuropa in unserer Zeit geschrieben ist, regen sich Zweifel, ob hier nicht ein gewichtiges Thema falsch angepackt worden ist.

Deswegen nämlich falsch angepackt, weil der Verfasser, wie mir scheinen will, einen Strauß ausficht, der in die zwanziger oder dreißiger, nicht aber in die ausgehenden fünfziger Jahre unseres Jahrhunderts gehört. Berechtigt hin, berechtigt her: Wir müssen uns nach allem, was seitdem vorgefallen ist, doch die skeptische Frage vorlegen, ob die Revisionspolitik der Weimarer Demokratie, wie friedlich sie immer gewesen sein mag, nicht im tiefsten Grunde utopisch war, ja: ob ihre Zielsetzung überhaupt eine andere Wirkung haben konnte als die, den Durchbruch des radikalen Nationalismus und damit am Ende den Sieg des Chauvinismus zu fördern. Auf diese Frage weiß auch Ludwig Zimmermann keine überzeugende Antwort.

Gewiß, den Blick auf andere Lösungsmöglichkeiten mag das nationalstaatliche Denken den Politikern jener Zeit verstellt haben – und nicht nur den deutschen Politikern. Doch hat es ja damals schon (und gerade an den Universitäten des deutschen Ostens) durchaus andere Denkansätze gegeben, Denkansätze, denen zwar die Erfüllung versagt blieb, die aber mit ihrem Rückgriff auf nationalständische Überlieferungen und auf das Prinzip der Kulturautonomie wie mit ihren vorwärtsweisenden Entwürfen vielnationaler, zwischenvölkischer Lösungen zukunftsträchtiger sind als alle "Berechtigungsnachweise", die von der Krisis des Nationalstaates keinerlei Notiz nehmen. Es ging dabei ja – nach dem Zeugnis von Hans Rothfels – "weniger um eine Revision der Grenzen als eine Revision der Gesinnungen". Darum aber wird es, wie nicht zuletzt die Charta der Heimatvertriebenen belegt, auch in Zukunft gehen.

In den zwanziger Jahren mochten die Verantwortlichen das noch nicht sehen. Auch Stresemann sah es nicht, wie denn seine "nationale Realpolitik" – was Zimmermann in gründlicher Analyse nachweist – jenen Heiligenschein des "guten Europäers", der ihm gerne auch heute noch angeheftet wird, an entscheidenden Stellen durchlöchert.

"Nationale Realpolitik" war freilich damals die Parole nicht nur in Berlin. Und um der geschichtlichen Gerechtigkeit willen muß es ja auch gesagt werden: daß sein Werk nicht von Dauer war, ist wohl zum geringsten Stresemanns Schuld gewesen, "Die Welt wird es Deutschland nie vergessen, daß es Deutschland war, von dem die Initiative zum Frieden Europas ausging", sagte Austin Chamberlain in Locarno. In Wahrheit aber vergaß es die Welt – und, Briand zum Trotz, besonders der Quay d’Orsay – sehr rasch. Einige Jahre nach der Konferenz am Lago Maggiore, schon vom Tode gezeichnet, schüttete Stresemann einem westlichen Diplomaten sein Herz aus.

"Wenn ihr mir nur ein einziges Zugeständnis gemacht hättet, würde ich mein Volk überzeugt haben", sagte er damals. "Ich könnte es heute noch. Aber ihr habt nichts gegeben, und die winzigen Zugeständnisse, die ihr gemacht habt, sind immer zu spät gekommen." Düster schloß er: "Die Zukunft liegt in den Händen der jungen Generation. Und die Jugend Deutschlands, die wir für den Frieden und für das, neue Europa hätten gewinnen können, haben wir beide verloren. Das ist meine Tragik und eure Schuld."

Weimar ist weit. Aber seine Probleme sind noch immer mit uns. Mit uns, die wir inzwischen zum zweitenmal besiegt worden sind, und mit jenen, die zum zweitenmal gesiegt haben ...