Gutachten zu „Unternehmen Teutonenschwert“ – Film in England verboten

In der Zone und in den Ostblockstaaten läuft seit geraumer Zeit der Defa-Dokumentarfilm „Unternehmen Teutonenschwert“, durch den die Ostberliner Machthaber beweisen wollten, General Speidel, der Befehlshaber der NATO-Streitkräfte in Mitteleuropa, sei der Organisator des Mordes an dem jugoslawischen König Alexander und dem französischen Außenminister Barthou gewesen. Der Film bedient sich zu diesem Zwecke dreier Dokumente, deren Echtheit bei ihrem ersten Erscheinen im Jahre 1957 bereits vielfach und mit guten Gründen angezweifelt wurde. Dennoch fährt man fort, mit Hilfe dieser Dokumente Millionen von Menschen das grausige Märchen von Speidel, dem Doppelmörder und Verräter am deutschen Widerstand, aufzutischen, jenen drei Millionen, die nach einer Meldung des Zentralorgans der SED „Neues Deutschland“ den Film bereits gesehen haben, und jenen Millionen, die ihn wahrscheinlich noch sehen werden. Der Film wurde auf den Karlsbader Festspielen 1958 nicht nur von allen Ostblockstaaten gekauft, auch mehrere Vertreter skandinavischer Länder zeigten sich interessiert. Man kann eben auch im Westen nicht überall die Fairness erwarten, mit der die britische Filmzensur den Film kürzlich für Großbritannien nicht zuließ, weil „es sich hier um einen bösartigen Angriff auf eine lebende Person handelt, die nicht in der Lage ist, sich selbst zu verteidigen“.

Durch das liebenswürdige Entgegenkommen des Münchener Instituts für Zeitgeschichte ist uns jetzt Material zugänglich geworden, aus dem jenseits allen Zweifels hervorgeht, daß es sich bei den Dokumenten, die Speidel moralisch vernichten sollen, um Fälschungen handelt, und nicht einmal um gut gemachte. Bevor wir darauf eingehen, soll unser Korrespondent Gottfried Paulsen, der den Film gesehen hat, darüber berichten:

Unternehmen Teutonenschwert ist eine Produktion des DEFA-Studios für Wochenschau- und Dokumentarfilme. Man läßt sich die Propaganda drüben etwas kosten. Seit Jahren ist ein Stab unter Leitung von Annelie und Andrew Thorndike ausschließlich damit beschäftigt, in Archiven zu stöbern, alte Filme zu sichten, Personen zu befragen und Berge von Literatur zu studieren. Sie stellen ihre Funde mit großem Geschick zusammen und betonen: Wir zeigen nur Dokumente – Schriftstücke, Filmaufnahmen aus Wochenschauen, Briefe, eidesstattliche Erklärungen, Photos. Und sie argumentieren, daß das, was sie dann in ihren Dokumentationen vorführen, eine präzise Beweisführung sei.

Die politisch-ideologische Linie ist bei den bisher gedrehten Filmen dieses Teams die gleiche. Auf der Leinwand soll die Behauptung der Partei bewiesen werden, daß der Ungeist des Nationalsozialismus, des Revanchismus und des Militarismus die Politik der Bundesregierung diktiere, daß Bundeskanzler Adenauer mit einer Gruppe verbohrter, unbelehrbarer Nazis einen Angriffskrieg gegen die DDR und ihre östlichen Nachbarn vorbereite.

Die „Dokumentation“ des Films „Unternehmen Teutonenschwert“ beginnt 1934. Göring will das Zustandekommen eines Vertrages zwischen Frankreich und Jugoslawien verhindern. Er beschließt, den französischen Außenminister Barthou und König Alexander I. von Jugoslawien aus dem Wege räumen zu lassen. Der Film zeigt einen Brief Görings an den Referenten des deutschen Militärattachés in Paris, Hauptmann Speidel, mit diesen Anregungen. Dann die zustimmende Antwort Speidels, daß ein „Unternehmen Teutonenschwert“ – das Deckwort für das Attentat – beim Treffen Alexanders mit Barthou in Marseille geplant sei. Und einen an Speidel gerichteten Brief des Verbindungsmannes Hans Haack zu dem gedungenen Mörder, mit detaillierten Angaben über die Möglichkeiten des Attentats. Der Anschlag gelingt – der Zuschauer im Kino kann auf hineingeschnittenen alten Wochenschaubildern die Toten sehen.

Kommentar des Films: Speidel sei daraufhin im deutschen Spionageapparat avanciert. Im Bild erscheint ein früherer Mitarbeiter der Abwehr, General Bamler, der sich später dem Nationalkomitee Freies Deutschland anschloß. Bamler beeidet in Gegenwart eines Notars, er sei dabeigewesen, als Canaris den Hauptmann Speidel für Spionagedienste in Frankreich freistellte.

Nächstes Kapitel: 1940. Speidel ist Chef des Stabes des Militärbefehlshabers in Frankreich. Wieder Wochenschauaufnahmen. Außerdem ein von Speidel unterzeichneter und von Keitel abgezeichneter Bericht ans OKW über die Lage in Frankreich. Unter vielen Punkten erscheinen Mitteilungen über die Hinrichtung von Kommunisten und Juden zur Abgeltung von Anschlägen auf deutsche Soldaten, außerdem über die Bereitstellung von 1000 Kommunisten und Juden zur Deportation nach Osten. Kommentar: Speidel, der Juden- und Kommunistenmörder. Man sieht Bilder Erschossener.

Dann kommt Speidels Zeit im Rußlandfeldzug. Ein geschriebenes Dokument aus diesen Jahren gibt es nicht. Nur einmal, taucht er kurz auf einem Wochenschaustreifen auf als Chef des Generalstabes der 8. Armee. Kommentar: Speidel habe die Taktik der verbrannten Erde organisiert. Eider brennender Städte, Dörfer ...

1944 ist Speidel wieder im Westen. Chef des Generalstabes der Heeresgruppe B, enger Mitarbeiter Rommels. Die beiden Offiziere besichtigen den Atlantikwall. Die Ereignisse vom 20. Juli 1944 werden erwähnt, die Bilder der Verschwörer werden gezeigt, Freisler schreiend im Volksgerichtshof. Der Film fragt: Warum überlebte der ebenfalls verhaftete Speidel, der sich auch zum Kreis der Revolutionäre zählte? Und er antwortet: Weil er Rommel an die Gestapo verriet. Zum Beweis wird eine Erklärung vorgelegt, die Rommels Sohn Manfred 1945 in einer deutschen Zeitung veröffentlichte. Manfred Rommel schreibt, sein Vater habe ihm kurz vor seinem befohlenen Freitod gesagt, er vermute, daß Speidel bei der Vernehmung etwas ausgesagt habe, was ihn belasten mußte.

Die Szenerie wechselt: Dr. Speidel ist NATO-General. Französische Truppen präsentieren vor ihm. Wieder zieht er in Fontainebleau ein. Kommentar: Wieder hilft er einen neuen Angriffskrieg vorbereiten. Doch Speidel steht nicht allein. Rückblende in die Naziwochenschau. Speer zeichnet Wehrwirtschaftsführer aus. Sie alle, wird nachgewiesen, haben wieder führende Positionen in der westdeutschen Wirtschaft. Die Generäle Kammhuber, Heusinger, die Admiräle Heye und Rüge werden in alter und neuer Funktion gezeigt, SS-Panzer-Meier und SS-Brillantenträger und nunmehr SS-Verleger Gille. Der Schlußchor:

„Wir wollen Frieden von langer Dauer.

Nieder mit Strauß! Nieder mit Adenauer!“