Neulich sagte jemand: Was für ein unglücklicher Zufall, daß sich ausgerechnet in diesem Moment zwei Entwicklungen überlagern und gegenseitig verstärken, nämlich der Wunsch nach mehr außenpolitischer Flexibilität, dessen Erfüllung die Deutschlandfrage blockiert, und eine zunehmende Kritik an den Deutschen, verursacht durch allerlei antisemitische und andere Zwischenfälle in unserem Lande.

Das ist in der Tat ein bedauerlicher Umstand, aber zufällig ist dieses Zusammentreffen gewiß nicht, sondern ganz im Gegenteil besteht zwischen diesen beiden Strömungen eine Art Funktionalzusammenhang. Denn das ist das eigenartige an der menschlichen Natur: Sie hat das Bedürfnis, ihre Entschlüsse und Taten stets moralisch zu rechtfertigen. Nicht daß die Menschen und insonderheit die abgefeimten Politiker sich listig ein moralisches Mäntelchen zurechtschneiderten, um damit die Blöße ihrer perfiden Absichten zu verdecken; so ruchlos sind nicht einmal die, die das angeblich garstige politische Geschäft betreiben. Nein, ein solcher Vorgang ist meist viel weniger bewußt, viel arg- und absichtsloser.

Die wirklich großen Verbrechen sind ja nur in den seltensten Fällen krimineller Natur. Meist wurden sie im Namen großer hehrer Begriffe oder mindestens im Namen von Pseudo-Wahrheiten begangen. Ohne solch moralische Legitimation hätte man wahrscheinlich nie den nötigen Eifer erwecken, nicht die große blinde Begeisterung der Massen erregen können, seit den Tagen der Inquisition bis ins 20. Jahrhundert hinein.

Mit den kleinen Verrätereien ist es nicht viel anders. Niemand läßt einen Freund sitzen, es sei denn, er habe sich zuvor davon "überzeugt", daß jener der Treue eigentlich gar nicht würdig sei.

Vor ein paar Tagen erhielt ich den Brief eines rumänischen Emigranten aus Portugal, der daran erinnerte, wie gegen Ende des Krieges sich in London plötzlich ein Wandel in den Beziehungen zu Polen anbahnte oder besser sich die Auffassungen über Polen veränderten. "Polen, für dessen Freiheit England seinerzeit überredet worden war, den Kampf mit Deutschland aufzunehmen", schrieb er, "wurde allmählich für Engländer und Amerikaner zu einem reaktionären, weitab gelegenen slawischen Ländchen, und die polnische Regierung zu einem Marionettengebilde von Grafen, Gutsbesitzern und Judenfeinden. 40 000 polnische Staatsbürger wurden nach dem Krieg unter wirtschaftlichem Druck (es wurden ihnen nirgends Stellungen gewährt) gezwungen, zurückzugehen. Polen wurde schließlich den Russen ausgeliefert, um die Voraussetzungen für die Koexistenz, die damals noch nicht diesen schönen Namen trug, zu schaffen."

Doch zurück zur Gegenwart! Auch in unseren Tagen und in unseren Regionen bahnt sich eine neue Phase an: Deutschland beginnt in der Vorstellungswelt des Westens eine andere Rolle einzunehmen. Schwer zu sagen, ob dieser Wandel in erster Linie politisch bedingt ist, oder ob er auf die veränderte militärische Situation und die neue Waffenentwicklung zurückzuführen ist (die Deutschland nur noch im Sinne des Disengagement, aber nicht mehr im Sinne der vorgeschobenen Verteidigungsposition wichtig erscheinen läßt). Jedenfalls bahnt sich eine Veränderung im Machtgefüge unserer Tage an, und wir tun gut daran, diese Situation beizeiten zu erkennen.

Hand in Hand damit – wie gesagt, es gibt da gewisse Funktionalzusammenhänge – mehren sich allenthalben die kritischen Äußerungen über Deutschland. Bestaunte man bisher die deutsche Wiederaufbauleistung, worin sich ein wenig Stolz über die gelungene Reeducation mischte, die aus dem verlorenen Sohn eine Art Musterschüler hatte werden lassen, so stehen jetzt ganz andere Themen im Vordergrund. Plötzlich lohnt es sich in der großen internationalen Presse, Leitartikel über Krupp zu schreiben, jeder erinnert sich mit einemmal gruselnd wieder der Dicken Bertha aus dem ersten Weltkrieg, und ein großer französischer Nobelpreisträger hält die Zeit für gekommen, seinen Lesern die Schrecken des hitlerschen Antisemitismus wieder neu zu beleben.