Aus dem Gefängnis schrieb ihr der Vater Briefe, lange und gedankentiefe Briefe über Politik und Philosophie, über Aufstieg und Untergang der großen Weltreiche. Damals war sie noch blutjung, knapp dreizehn Jahre, aber die Briefe aus dem Gefängnis las sie mit brennender Anteilnahme. Zu jener Zeit schon war die Politik ihr Lebenselement. Im Hause des Großvaters in Allahabad pflegte sie als kleines Mädchen auf die Tische zu klettern und den Dienstboten leidenschaftliche Reden über den Freiheitskampf Indiens zu halten. Und am liebsten spielte sie mit ihren Puppen "Protestdemonstration gegen die Engländer".

"All meine Spiele waren politische Spiele", so erzählt sie heute. "Ich war Johanna von Orleans und wurde immer auf dem Scheiterhaufen verbrannt..."

Der Scheiterhaufen ist Indira Gandhi erspart geblieben, Leiden, Dulden und am Ende auch das Gefängnis indessen nicht. Doch als das Schicksal ihren Vater Jawarharlal Nehru 1947 an die Spitze des frei und unabhängig gewordenen Indien trug, da hob es auch sie auf die Höhen der Verantwortung empor. Letzte Woche hat das Zentralkomitee des Indian National Congress sie zum Vorsitzenden der Kongreßpartei gewählt. So bekleidet sie nun dasselbe Amt, das schon der Vater und vor diesem der Großvater innehatten.

Nicht etwa, daß Indira Gandhi damit erst in die höhere Region der indischen Politik gelangt sei. Sie hat seit zwanzig Jahren an der Seite ihres Vaters gestanden, der ihr Lehrmeister war und dessen vertraute Mitarbeiterin sie schon früh geworden ist. Sie ist eine Frau, aber sie ist auch eine Macht, und sie weiß das sehr genau. "Mein Vater und ich", so sagte sie einmal, "haben erkannt, daß wir auf allen Gebieten anregen müssen. Ohne uns gerät in Indien nichts in Bewegung."

Und so ist sie ihrem verwitweten Vater seit langen Jahren schon weit mehr als nur die Hausfrau im Prime Ministers Home zu New Delhi. Ratgeberin ist sie ihm und Reisebegleiterin durch die Welt, die sie aus der schweizerischen Internatszeit und den Studienjahren in Oxford schon kannte, die ihr aber während des verflossenen Jahrzehnts im Umgang mit den Staatsmännern von London, Washington, Peking, Bonn und Moskau erst ganz vertraut geworden ist.

Das Land Indien jedoch hat in Indira Gandhi mehr als nur eine First Lady. In vielen Organisationen für soziale Wohlfahrt und Kinderfürsorge führt sie den Vorsitz. Inzwischen hat sie in über 50 000 Dörfern Wohlfahrtszentren ins Leben gerufen und hat in fast ebenso vielen Gemeinden Kinderfürsorgeeinrichtungen geschaffen. Auf diesem Gebiet liegt ihr Hauptinteresse, und ihm widmet sie in unzähligen Ausschußsitzungen und einer umfangreichen Korrespondenz den größten Teil ihrer Zeit.

Jetzt, wo die Tochter des Regierungschefs an die Spitze der Regierungspartei getreten ist, sind freilich manche Stimmen laut geworden, die da sagen, Frau Indira möge ja wohl im Fürsorgewesen ganz gut Bescheid wissen, aber in der praktischen Politik mangele es ihr doch gänzlich an Erfahrung. Und daran ist nun gewiß soviel richtig, daß sie – abgesehen von gelegentlichen Wahlkampftourneen an der Seite ihres Vaters – bislang in der Parteipolitik nur wenig in Erscheinung getreten ist, obwohl sie seit 1955 als einziges weibliches Mitglied dem Zentralkomitee der Kongreßpartei angehört.