Von Wolfgang Ebert

Ich kann knurren, so laut ich will, ich kann die Zähne fletschen wie in Dobermann, ich kann brüllen, daß die Zahnputzgläser vom Spiegelbrett purzeln – ich schaff es einfach nicht. Man glaubt ihn mir nicht, meinen Zorn. Man lacht über meine Ausbrüche, als seien sie nur Spaß.

Ich weiß genau, was mir fehlt: eine freudlose Kindheit, womöglich in einem Waisenhaus verbracht. Wem die fehlt, der tut sich schwer in einer Welt, in der Zorn der letzte Schrei ist; und nie wird er sich von diesem Makel ganz befreien können.

In dieser Hinsicht ist meine Lage ziemlich hoffnungslos. Was aber kann ich dafür, daß meine Kindheit so glücklich war? Ist das nicht eher Schuld meiner Eltern, die mir nie den geringsten Anlaß gaben, zornig aufzubegehren? Ihre liebevolle Erziehung machte mich zu dem, was ich heute bin: sanftmütig, geduldig, freundlich – und völlig untalentiert dazu, zornesrot anzulaufen, auch wenn es Gründe genug dafür gäbe.

In der Kunst, zornig zu werden, haben es meine großen Vorbilder, die zornigen jungen Männer Englands, zur vollendeten Meisterschaft gebracht. Zornesrot anlaufen können die sozusagen aus dem Stand, ohne Anlauf. Wie bewundere ich sie deswegen! Wie emsig eifre ich ihnen nach – und wie weit bleibe ich hinter ihnen zurück.

Es ist schwierig, ein zorniger junger Mann zu sein – wenn es einem dazu nicht nur an Zorn, sondern auch noch an Jugend fehlt. Die Leistungsgrenze liegt hier etwa bei dreiundzwanzig, danach wird man immer milder.

Das spüre ich besonders bei der Verfertigung meiner literarischen Produkte: Mein Thema kann noch so niederdrückend oder aufrührerisch angelegt sein: irgendwann, irgendwo schleichen sich doch immer, ganz gegen meinen Willen, widerlich sanfte und optimistische Gefühle ein – und schon ist die ganze Arbeit für die Katz.