Die Bundesregierung will mit der Preussag-Aktion zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen. Sie will nämlich einmal den Anfang mit der Privatisierung des Bundesvermögens machen, und zum anderen will sie eine breite Schicht von "Eigentümern" schaffen. Eigentlich sollte der Startschuß zur Privatisierung beim Volkswagenwerk fallen. Aber da es bislang hier nicht gelungen ist, die rechtlichen Voraussetzungen dafür zu schaffen, macht die Preussag nun den Anfang. Das Grundkapital der Preussag von 75 Mill. DM befindet sich zu 100 Prozent bei der Vereinigte Elektrizitäts- und Bergwerks-AG, Hamburg (Veba), die vollständig Bundesbesitz ist.

Die Preussag braucht unbedingt neues Kapital. Deshalb sollen ihr 30 Mill. DM durch die Privatisierungsaktion zufließen. Der Bund verzichtet also theoretisch auf die Dreiviertelmehrheit, die ihm in der Praxis jedoch erhalten bleibt, da bei der zu erwartenden breiten Streuung nicht anzunehmen ist, daß das "private" Kapital auf den Hauptversammlungen immer vollständig vertreten sein wird. Tatsächlich bleibt also der Bund der alleinbestimmende Aktionär. Allerdings hat Bundesminister Lindrath die Möglichkeit angedeutet, daß zur gegebenen Zeit auch die anderen 75 Mill. DM des Aktienkapitals in private Hände übergeführt werden können. Das wird aber noch viel Zeit haben.

Damit Sie wissen, meine verehrten Leser, um was es sich bei der Preussag handelt, einige kurze Angaben über die Gesellschaft:

Ihr Tätigkeitsbereich ist weit gespannt. Im Jahre 1957 vereinigte sie 10,5 v. H. der Rohölförderung der Bundesrepublik auf sich, sie besitzt eine Steinkohlenzeche (mit Kraftwerk), sie fördert Kali und produziert Blei und Zink. Daneben nennt sie noch eine Reihe von zum Teil recht wertvollen Beteiligungen ihr eigen. Das große Arbeitsfeld führt zwangsläufig zu einem Risikoausgleich, wenngleich ich es für übertrieben halte, wenn man die Preussag-Aktie schon den Charakter eines Investment-Papiers geben will. Man soll doch nicht vergessen, daß es einer Investment-Gesellschaft jederzeit frei steht, sich von "schlechten Risiken" zu trennen und dafür Papiere ins Portefeuille zu nehmen, die gut in der Konjunktur liegen. Das ist bei einer Produktionsgesellschaft nicht möglich.

Zusammenfassend ist zu sagen, daß die Preussag mit ihrem Anteil an der deutschen Erdölförderung und ihrer Beteiligung (zu 38 v. H.) an der Gewerkschaft Erdöl-Raffinerie Deurag-Nerag, Hannover, über einen sehr wertvollen Besitz verfügt, der, zusammen mit dem Kalizweig, auch eine gute Rendite abwerfen sollte. Auf der anderen Seite dürfte sie mit ihrer Zeche und ihrer NE-Metallerzeugung einige Sorgen haben. Hier fällt im Augenblick die Substanz schwerer ins Gewicht als der Gewinn, der – wenn überhaupt – in diesen Zweigen erwirtschaftet werden kann.

Diese Dinge sind wichtig, wenn man den "richtigen" Kurs für die Aktien ermitteln will Da Preussag-Aktien bislang noch nicht an der Börse gehandelt werden, muß der Ausgabekurs, zu dem man die neuen Aktien verkaufen will, festgesetzt werden. Er darf nicht zu hoch liegen, wenn die Preussag-Aktion Erfolg haben soll, andererseits geht es nicht an, Bundesvermögen zu verschleudern, auch nicht unter einem sozialpolitischen Deckmantel, indem der Kurs zu niedrig angesetzt wird.

Der Zeichnungskurs soll nach den Worten des Ministers bei etwa 140 bis 150 v. H. liegen. Damit scheint man stark an die obere Grenze des Vertretbaren zu gehen. Sie wissen, meine verehrten Leser, daß die Börse gegenwärtig die Aktienkurse fast ausschließlich nach deren Rendite ausrichtet. Bei einer gesunden Währung, die nur wenig vom Kaufkraftschwund angenagt wird, ohne Zweifel auch der richtige Maßstab! Die Preussag hat für 1956 und für 1957 je 7 v. H. Dividende gezahlt, für 1958 wird man nicht darunter gehen. Siebenprozentige Papiere (mit Montan-Einschlag), wie z. B. die Aktien der Dortmund-Hörder Hüttenunion, notieren zur Zeit mit etwa 140 v. H., achtprozentige Werte, wie die Hoesch-Aktien, bei 150 v.H. Unter diesen Umständen kann man nicht sagen, daß die Preussag-Aktie einen besonderen Anreiz zum Kauf bietet. Auf eine "Einführungsprämie" – wie sie sonst bei neuen Aktien gelegen üblich üblich ist – will man offenbar verzichten.