Paris, im Februar

Die pathetischen und bösen Vorwürfe, die François Mauriac, Nobelpreisträger und großer französischer Schriftsteller, auf die Deutschen und zumal die deutsche Jugend herniederprasseln ließ (siehe die ZEIT Nr. 6) haben ihm – wie der Pariser Wochenzeitung "Express" vom 5. Februar zu entnehmen ist – heftigen Widerspruch eingetragen. Mauriac erwähnt davon in seinen neuen Bloc Notes nur den Brief des französischen Generalkonsuls, M. J. Fernand-Laurent, der ihm erwidert, daß "in der großen deutschen Hafenstadt der Antisemitismus nicht virulenter erscheint als bei uns. Der Unterschied ist, daß die (deutschen) Gerichte antisemitische Äußerungen verfolgen, während sie bei uns nur ein Achselzucken hervorrufen."

Aber der alte Mauriac, der sich zunächst auf mißverstandene, und freilich auch mißverständliche, Äußerungen des jungen Schriftstellers Michel del Castillo gestützt hatte (dessen Tagebuch einer einwöchigen Deutschlandreise der "Express" entgegen seiner ursprünglichen Absicht nicht veröffentlicht hat), bleibt starrköpfig wie zuvor. Diesmal macht er den Sowjetsein gewundenes Kompliment für ihre Schuld daran, daß Deutschland nach wie vor geteilt ist. Ja, er wünscht sogar, daß die Spaltung bleibe und schließt: "Nicht, daß ich deren Gefahr nicht sähe und deren Unrecht nicht fühlte. Aber ..."

Die leidenschaftlichste Entgegnung auf diesen neuen Ausbruch alten Deutschenhasses aber erhielt Mauriac von einem französischen Schriftsteller der jungen Generation, von Alfred Kern, dessen jüngstes Buch "Der Clown" mit einem stark beachteten schweizerischen Literaturpreis ausgezeichnet wurde und durch den Rowohlt-Verlag demnächst auch der deutschen Öffentlichkeit vorgelegt werden wird.

"Ich bin durch und durch Franzose", so schreibt Kern, "aber dies hindert mich nicht daran (denn ich bin elsässischer Abstammung und sehr gemischten Geblütes), die deutsche Empfindlichkeit zu verstehen. Nichts in den deutsch-französischen Beziehungen läßt mich gleichgültig. Zwar treibe ich keine Politik, aber solche Worte aus Ihrem Munde entreißen mir einen Schrei des Protestes!"

Kern erkennt, daß Mauriac, der vom "ewigen Medusenhaupt" (Deutschlands) spricht, für seinen Deutschenhaß keine politischen Gründe mehr hat, sondern gleichsam aus "metaphysischen" Quellen schöpft. "Was ist das für ein Manichäertum, das Sie plötzlich Ihrer christlichen Seele beraubt? ... Und wie können Sie von einem ‚ewigen Medusenhaupt‘ sprechen; das klingt ja danach, als ob die deutsche Geschichte einzig und allein durch schicksalhafte Notwendigkeit erklärbar wäre!... Wie müssen sich die Nazis, die alter und die neuen, freuen, dies aus Ihrem Munde zu hören! Denn Sie geben ihnen ja recht: Ist die deutsche Geschichte nichts als Fatalität, dann gibt es wirklich keine Entscheidungsfreiheit für die Deutschen!... Nein, Ihr Bild von Deutschland ist genausofalsch wie das Bild Frankreichs in den Augen der deutschen Rassenapostel. Sie schreiben: ‚Das Hakenkreuz flattert über Hamburg.‘ Das ist grauenhafte Poesie, von der Sie sich täuschen lassen. Es ist die gleiche Poesie, die gewisse Deutsche ‚beseelt‘, sich für Werkzeuge des Schicksals zu halten."

Es ist nicht nur der Haß im Herzen dieses prominenten christlichen Schriftstellers Mauriac, der den Sprecher eines jüngeren Frankreich, Alfred Kern, aufs tiefste erregt. Es empört ihn zugleich, daß Mauriac sich durch seinen Haß die Logik seiner Gedanken trüben läßt. "Sie sehen", so schreibt Kern, "also die deutsche Geschichte als ein unabänderliches Schicksal an. Ja, warum klagen und wettern Sie dann? Nehmen wir an, Sie hätten recht – dann müßten Sie auch vor diesen Fallschirm-Obersten abdanken" (wobei Kern auf die Vorgänge des 13. Mai anspielt). "Oder aber Sie täuschen sich. Was dann? ... Wenn wir uns nicht gegen die Versuchung wehren; stets nur die bequemste Lösung hinzunehmen, dann ist unsere Reaktion bloß ein Reflex. Dann wird das Medusenhaupt’ unser eigen."

"Gestatten Sie mir", so schließt Alfred Kerns Brief an François Mauriac, "Sie an eine kleine Begebenheit zu erinnern? Sie waren in Lourdes; Sie verließen die Kathedrale, weil die rauhe Stimme eines deutschen Priesters zu viele Erinnerungen in Ihnen weckte. Ich sagte mir: Entweder ist Mauriac ein Christ, oder er ist keiner. Sie haben die Kirche gewählt, aber die Kirche wählte gleichfalls diesen deutschen Priester! Welche Grausamkeit!... Nein! Sie gehen nicht bis an die Quelle Ihres Hasses! Wir müssen uns die Frage stellen: Wo eigentlich beginnt der Haß?"