T. K., Berlin

Auch in unserer museumsfreudigen, durchkatalogisierten Zeit gibt es noch Entdeckungen. Im Alter von 14 Jahren hat Felix Mendelssohn-Bartholdy seine "Sinfonia X" komponiert. Der Leiter der Berliner Singakademie, Mathieu Lange, führte sie am 150. Geburtstag Mendelssohns auf – nach dem Originalmanuskript in der "Deutschen Staatsbibliothek Berlin". Die liegt bekanntlich Unter den Linden, also im Sowjetsektor. Und die Aufführung war im Auditorium der "Freien Universität" in Westberlin. Gut, daß wenigstens hier das deutsche Spaltungsirresein noch nicht den Weg zueinander unterbricht.

Felix, also: der Glückliche, wie Ervin Kroll in seinem Einleitungsvortrag sagte. Diese X. Sinfonie klang wirklich glücklich – glücklich gemischt aus Bach und Mozart und Vorromantik, E. T. A. Hoffmann benachbart. Kroll wollte das Glückliche in der Gestalt Mendelssohns sogar mit dem frühen Tod des Komponisten belegen: es sei ihm erspart geblieben, sich selber überlebt zu sehen. Am 3. Februar 1809 wurde er geboren, am 4. November 1847 starb er – wenig älter als der von ihm verehrte Wolfgang Amadeus.

Felix Mendelssohn-Bartholdy repräsentiert ein Stück Berliner Kulturgeschichte. Wo später das Kaufhaus Wertheim und das Preußische Herrenhaus errichtet – und im Kriege zerstört – wurden, in der Leipziger Straße, wohnten die Mendelssohns, Inhaber eines angesehenen Bankhauses. Das reiche jüdische Bürgertum begann damals, in preußisch Berlin die eigentümlich weltoffene, klein-pariserische Zivilisation zu begründen, die bis heute ein bezeichnender Zug im Wesen der deutschen Hauptstadt geblieben ist.

Und könnte ein selbstironisches Wort des Berliners Felix Mendelssohn-Bartholdy nicht just in diesen Tagen gesprochen sein? "Berlin ist einer der sauersten Äpfel, in die man beißen kann."