Die Zinssenkung macht weitere Fortschritte. Unmittelbare Auswirkungen zeigt sie bei den festverzinslichen Papieren wo neue Kurssteigerungen zu verzeichnen sind. So mußten für steuerfreie fünfprozentige Anleihen und Pfandbriefe schon Kurse bewilligt werden, die über 111 v.H. hinausgingen. Die neuen fünfeinhalbprozentigen Anleihen (tarifbesteuert) erzielten Kurse von 100 3/8 v.H. Die fünfprozentigen tarifbesteuerten Pfandbriefe wurden von den Real kreditinstituten zu 98 v. H. (abzüglich einer Bonifikation von etwa l 1/4 v. H.) abgegeben. Damit ist jetzt der Zeitpunkt für fünfprozentige Anleihen gekommen, deren Ausgabekurse kaum unter 97 v. H. liegen werden.

Der immer niedriger werdende Zins bei den Wertpapieren war dann auch der Anstoß für die umfangreichen Käufe am Montanmarkt. Hier lassen sich jetzt Renditen erzielen, die höher sind als die bei den Renten. Die Anleger sind um so eher bereit, das in diesen Papieren steckende Kursrisiko zu tragen, als die Stimmen sich mehren, die von einer Beendigung der Stahlflaute sprechen, obgleich dieser Optimismus von den Eisen- und Stahlkonzernen selbst noch nicht geteilt wird. Aber die Börse erinnert sich der raschen Erholung der Montankurse in New York, die eintrat, als sich in den USA die ersten Anzeichen für eine Überwindung der schlechten Absatzlage zeigten. In der Bundesrepublik möchte die Spekulation den Anschluß nicht verpassen; sie deckt sich deshalb rechtzeitig ein. Es zeigt sich jedoch, daß sie mit relativ begrenzten Kursgewinnen zufrieden ist und ziemlich schnell realisiert. Das ist kein Klima für eine richtige Montanhausse!

Sieht man von den Bauwerten ab, die in den letzten Tagen im Hinblick auf eine gute Baukonjunktur 1959 zu steigenden Kursen gesucht waren, dann war die Aktientendenz im übrigen unsicher. Das resultiert zum größten Teil aus der schwankenden Haltung der internationalen Börsen. Der Dow-Jones-Index ist in der zurückliegenden Woche um rund 10 Punkte zurückgefallen. Während die meisten Zentralbanken darangehen, Diskontsenkungen vorzunehmen, werden in den USA weiterhin Überlegungen angestellt, ob man nicht durch eine Heraufsetzung der Zinssätze der inflationistischen Tendenz Einhalt gebieten kann. Bevor in New York jedoch der Diskont auf 2 3/4 v. H. heraufgesetzt wird, soll noch eine Fundierungsaktion für 15 Mrd. Dollar amerikanischer Staatsanleihen durchgeführt werden.

Die Leidtragenden der jüngsten Börsenentwicklung waren vor allem die Aktien der IG-Farben-Nachfolger, die unter dem Fehlen der Auslandsaufträge und unter Tauschoperationen litten, die zugunsten der Montane vorgenommen wurden. Immer noch haben die drei ehemaligen IG-Farben-Gesellschaften keine konkreten Angaben über ihre Dividenden gemacht. Sie werden erst bekanntgegeben werden, wenn die Aufsichtsräte formell den Vorschlägen der Vorstände zugestimmt haben. Noch vor der Hauptversammlung, nämlich am 24., 25. und 26. Februar, gelangt bei den Farbwerken Hoechst das Bezugsrecht zur Notiz, dessen rechnerischer Wert bei etwa 40 v. H. liegt.

Am Bankenmarkt hält die Kaufneigung unvermindert an. Zu steigenden Kursen führte sie allerdings nur bei den Hypothekenbank-Aktien. Bei den Großbankwerten will man zunächst die Dividendenentscheidungen abwarten. Ob bei 14prozentigen Dividenden die Kurse von heute 350 bis 370 v. H. noch Platz nach oben haben, hängt von der Frage ab, welchen Renditemaßstab man zukünftig anlegen muß. Bislang ging die Börse bei der Bemessung der Kurse von einer Aktienrendite von 4 v. H. aus. Mit der engeren internationalen Verflechtung wird es vielleicht zu einer Aktienrendite von 3 1/2 v. H. kommen, wie sie für erstklassige europäische Papiere durchaus üblich ist. Dann wären Großbankenkurse von 400 v.H. nicht überhöht (zumal die Chancen für Aufstockungsaktien und Kapitalerhöhungen durchaus gegeben sind). Kurt Wendt