Mit einer nahezu einjährigen Verspätung legt die Hamburg-Amerika Linie (Hamburg-Amerikanische Packetfahrt-AG), Hamburg, ihren Abschluß für 1957 vor. Er zeugt von der guten Konjunktur, in dem sich damals die Linienschiff- – fahrt befand. Die Reederei hat in 1957 ausgezeichnet verdient. Das Reedereiergebnis ist auf 77 (58,5) Mill. DM angestiegen. Zum weitaus großten Teil diente es zur Finanzierung der Abschreibungen, die mit 52,3 (29,7) Mill. DM den hochsten Stand der Nachkriegsjahre erreichten. Die Höhe dieser Summe läßt die Vermutung aufkommen, daß auch versteuerte Gewinne zu den Abschreibungen herangezogen worden sind. Diese Politik wird durch den Verlauf des Geschäftsjahres 1958 ohne weiteres gerechtfertigt, denn vom Vorstand wird ausdrücklich festgestellt, daß dann mit einem erheblich schlechteren Ergebnis gerechnet werden muß. Seit dem Herbst 1957 wird die Linienfahrt von dem Rückgang auf dem Frachtenmarkt betroffen; seit dem Frühjahr 1958 ist er in aller Schärfe fühlbar. Eine Änderung ist vorerst nicht abzusehen.

In richtiger und rechtzeitiger Beurteilung der Situation hat die Hapag im Frühjahr 1957 den letzten Neubau in Auftrag gegeben. Das Neubauprogramm der Reederei läuft also praktisch mit der in diesem Jahr vorgesehenen Ablieferung von drei Frachtschiffen aus. Dann wird die Reederei über 47 Seeschiffe mit einer Tragfähigkeit von 367 838 Tonnen verfügen. Dazu kommt die 7505 BRT große "Ariadne", das einzige Passagierschiff, das die Hapag heute besitzt. Sie "betreut" daneben die "Italia" der Home-Lines und die "Hanseatic" der neugegründeten Hamburg-Atlantik Linie GmbH & Co, ein Schiff, das nach Umbau im Sommer 1958 auf der Nordatlantikroute in Dienst gestellt worden ist.

Das gute Geschäftsergebnis von 1957 wurde mit Hilfe von gecharterten Schiffen hereingefahren. Die beförderte Ladungsmenge stieg um rund 15 v. H. Hieran war die Vergrößerung der eigenen Tonnage (in 1957 wurden sechs Neubauten von zusammen 65 000 tdw in Dienst gestellt) nur mit einem Drittel beteiligt, da vier von den sechs Neubauten erst gegen Ende des Berichtsjahres in Dienst gestellt worden sind. Zwei Drittel der Steigerung des Ladungsvolumens entfielen also auf die gecharterte Tonnage.

Wenn bei der Hapag für 1957 von der bisher üblichen Dividendenlosigkeit abgerückt wurde, dann dürfte das allein auf Veranlassung des neuen Großaktionärs, der Deutschen Bank, zurückzuführen sein, die selbst auf: eine Verzinsung ihres für 1957 dividendenberechtigten Kapitals verzichtet hat, damit die freien Aktionäre einen Bonus von 6 v. H. erhalten können. Er wird aus dem verbliebenen Reingewinn von 0,389 Millionen DM gezahlt. Betrüblich ist es für die freien Hapag-Aktionäre, daß sie kaum damit rechnen können, eine Ausschüttung auch für 1958 zu erhalten.

Der Verzicht der Deutschen Bank zeigt jedoch, daß bei der Hapag mit dem Wechsel der Majorität, die im vergangenen Jahr noch der Bergungsreeder Schuchmann innehatte, auch eine Änderung in der Behandlung der freien Aktionäre eingetreten ist, die etwa 20 v. H. des heute 52,322 Mill. DM in Händen haben dürften. Schuchmann hatte auf der vorjährigen Hauptversammlung noch eindeutig zum Ausdruck gebracht: an eine Ausschüttung ist bei der Hapag vorerst nicht zu denken! Unter seiner Regie wäre die Verteilung eines Bonus auch niemals erfolgt, denn sein Interesse an der Hapag lag bestimmt nicht auf dem Feld der Dividenden. K. W.