Er war immer der "stille Mann mit der Hornbrille"

Dd, Wiesbaden

Wäre der 51jährige Fritz Slusarski alias Variczak literarisch begabt, so hätten die zweieinhalb Jahre Untersuchungshaft, die er seit seiner Festnahme in Venedig hinter sich gebracht hat, gewiß kaum ausgereicht, um die Lebensbeichte eines Hochstaplers zu Papier zu bringen. Die zweitägige Verhandlung vor dem Wiesbadener Landgericht hätte in dieser Beichte dann das letzte, kurze, melancholisch stimmende Kapitel ausgemacht: der Held, vom unerbittlichen Staatsanwalt als gefährlicher Gewohnheitsverbrecher bezeichnet, vom Gericht zu fünf Jahren Zuchthaus und anschließender Sicherungsverwahrung verurteilt, schüttelt müde sein ergrautes Haupt, nimmt das Urteil an. – Ende.

Auf dem Schutzumschlag des Memoirenbandes wäre zu vermerken: Slusarski, Sohn eines wegen Alkoholmißbrauchs dienstenthobenen Polizeiwachtmeisters, Enkel eines Trinkers, in der Schule ein Tunichtgut (viermal sitzengeblieben), wächst als Fürsorgezögling in Heimen auf, aus denen er mit 21 Jahren entlassen wird, ohne etwas gelernt zu haben. Bei seinem ersten Schritt ins Leben malt sich alles grau in grau: die Inflation treibt ihrem Höhepunkt entgegen, nur der Schnaps ist noch erschwinglich. Slusarski, kein dummer Kerl, findet bald heraus: Man muß sich "anpassen". Er ist 21.

Als er 31 ist, zählt sein Strafregister schon 16 Eintragungen. 1935 sieht er zum ersten Male ein Zuchthaus, 1942 kommt die Sicherungsverwahrung – damals gleichbedeutend mit Konzentrationslager. Der zweite Weltkrieg geht zu Ende, die Alliierten befreien unter anderem auch den Häftling Slusarski. Nun, mit 38 Jahren, beginnt sein eigentliches Leben: er wird Fuhrunternehmer in Hamburg.

Steter Tröster Branntwein

Fritz heiratet zum zweiten Male, die Welt ist schön. Aber die Ehe geht in die Brüche: Seine Frau kehrt zu ihrem früheren Mann, einem "politisch Belasteten", den zu vergessen ihr 1945 tunlich erschienen war, zurück. Da wirft Slusarski sich erneut in die Arme seines alten Trösters Branntwein. Und wenig später dann: anderthalb Jahre Zuchthaus wegen Betruges, anschließend Trinkerheilanstalt. In einem "Übergangsheim" lernt er seine dritte Ehehälfte kennen, eine haltlose, entmündigte Frau, an die er sich ebenso verzweifelt klammert wie sie sich an ihn.