Von Albrecht Unsöld

Professor Dr. Albrecht Unsöld ist Ordinarius für theoretische Physik an der Universität Kiel. In Fachkreisen wurde er vor allem durch seine Arbeiten über Probleme der Astrophysik bekannt. Nicht in erster Linie dem Physiker jedoch verdanken wir die folgenden Betrachtungen, sondern allgemein ner: dem verantwortungsbewußten Gelehrten, der – als amtierender Rektor seiner Universität – Veranlassung sah, sich mit der Stellung der Wissenschaft im Leben des Staates auseinanderzusetzen.

Besser als allgemeine Ausführungen kann ein Beispiel das geradezu explosive Heraufkommen von Wissenschaft und Forschung erläutern, nämlich die Entwicklung der Physik energiereicher Teilchen.

Um die Jahrhundertwende begann es mit Becquerels Entdeckung der Radioaktivität. 1903 entwickelten Rutherford und Soddy die Vorstellung des radioaktiven Zerfalls der Atome. Stück für Stück vervollständigten sich die Vorstellungen über den Bau dieser Atome; man begann von der Physik der Atomhülle zu sprechen und von einer Physik der Atomkerne.

Schon 1919 gelang Rutherford die erste künstliche Zertrümmerung eines Atomkernes. Wer hätte gedacht, was aus diesen – für heutige Begriffe einfachen – Versuchen einmal werden würde? Konnte damals jemand ahnen, daß schon 1942 der erste Uranreaktor laufen und daß 1945 eine Atombombe explodieren werde? Konnte jemand ahnen, daß die Physiker nach diesen unwahrscheinlichen Erfolgen sich sofort darauf stürzen würden, den noch viel wirksameren Energieerzeugungsprozeß zu realisieren, der seit fünf Milliarden Jahren Licht und Wärme der Sonne liefert, nämlich die Verschmelzung von Wasserstoff zu Helium? Wasserstoffbomben gehören heute zum üblichen Reisegepäck der Militärs; am Problem der stetigen Energieerzeugung mittels "Kernfusion" wird überall fieberhaft gearbeitet.

Aber das ist nur die eine Seite der Kernphysik. Die Teilchen, von denen wir bisher sprachen, haben Energien von einigen Millionen e-Volt, und das bedeutet: zu ihrer künstlichen Erzeugung müßten wir elektrische Spannungen dieser Größenordnung aufwenden.

Inzwischen aber haben wir gelernt, daß in der kosmischen Ultrastrahlung, die aus dem Weltraum ständig auf uns herniederprasselt (mit dem Geiger-Zähler können wir es direkt hören), Teilchen vorkommen mit Energien bis zu 10 18 also einer Million Billionen e-Volt. Da kommt selbst dem Physiker das Gruseln ...