Fazit nach dem XXI. Parteitag: Chruschtschow-Kult / VonWolfgang Leonhard

Nach neun Sitzungstagen ist der XXI. Parteitag beendet worden. Acht Stunden lang täglich hörten sich die fast 1300 Delegierten und die 72 Abordnungen aus dem Ausland die Reden der Sowjetführer an – 88 Reden, die rund 2000 Schreibmaschinenseiten füllen und die sich zu drei Vierteln mit zwei Thesen befaßten: dem Siebenjahresplan und dem "Übergang zum Kommunismus". In den kommenden Monaten werden diese beiden Thesen bis ins letzte Burjätendorf popularisiert werden. Für die Beurteilung des Parteitags ist freilich ebenso wichtig, was in den Debatten nur am Rande oder überhaupt nicht gesagt wurde. Daraus aber ergibt sich: der XXI, Parteitag hat das Ende der Entstalinisierung gebracht. Die Machtverschiebung an der Spitze ist sanktioniert und das Prinzip der kollektiven Führung durch einen neuen Personenkult ersetzt worden: den Chruschtschow – Kult;

In allen entscheidenden Fragen hat der XXI. Parteitag eine Abkehr von den hoffnungsvollen Ansätzen des XX. Parteitags gebracht. Damals, im Februar 1956, wurde die These vom unterschiedlichen Weg zum Sozialismus in den verschiedenen Ländern verkündet. Diesmal wurden zwar noch zweitrangige Unterschiede in den Methoden und Formen der Umgestaltung zugestanden, aber ausdrücklich die allgemeingültigen Gesetzmäßigkeiten als "das Wichtigste und Bestimmendste" bezeichnet. Nicht mehr der "unterschiedliche Weg", sondern das "sowjetische Beispiel", die Unterordnung der kommunistischen Parteien unter Moskau, steht wieder im Vordergrund.

Auf dem XX. Parteitag sprachen Chruschtschow und alle anderen wichtigen Redner von der Möglichkeit, den Kommunismus im Westen auf parlamentarisch-demokratischem Wege zum Sieg zu führen und richteten entsprechende Einheitsfrontangeböte an die westeuropäische Sozialdemokratie. Diesmal war davon nichts mehr zu hören. Damals gab es versöhnliche Gesten und freundschaftliche Erklärungen gegenüber Jugoslawien. Das Begrüßungstelegramm Titos, von Frol Koslow verlesen, wurde 1956 mit stürmischem Beifall begrüßt. Diesmal gab es wieder ungemein heftige Angriffe gegen Jugoslawien – Angriffe, die an Schärfe den Verleumdungen der Kominform-Ära nicht nachstanden.

Der Parteitag; vom Februar 1956 stand ganz im Zeichen der Kritik an Stalin und den negativen Erscheinungen des Stalin-Systems, die überwunden werden sollten. Diesmal ist, von einigen Sätzen Schwerniks abgesehen, jede Kritik an Stalin unterblieben. Der XX. Parteitag gab den Auftakt für eine Abwendung von der Stalin-Ära, der XXI. Parteitag brachte das offizielle Ende aller derartigen Bestrebungen.

Chruschtschows neuer Stalinismus

Gewiß bedeutet das alles noch keine völlige "Rückkehr zum Stalinismus". An ein Retour zur überzentralistischen administrativen Wirtschaftsordnung, zur Allmacht der Geheimpolizei und dem Terror der Stalinzeit ist im Ernst auch kaum zu denken. Wohl aber brachte der XXI. Parteitag einen entscheidenden Rückschritt, die Abkehr von jener Entwicklung, die nach Stalins Tod einsetzte. Er markiert den Beginn einer Entwicklung, die man als "modernisierten Stalinismus" bezeichnen könnte.