Lebenslauf, ick erwarte dir! sei die Devise des "Eckenstehers Nante" gewesen; und diese Berliner Type wird der "Hamlet der Eckdestillen" genannt. Treffende, sehr berlinische Bemerkungen dieser Art gibt es einige in dem gewichtigen Buch von

Walther Kiaulehn: Berlin – Schicksal einer Weltstadt"; Biederstein Verlag, München; 594 S., 27,50 DM.

Aber dieses Werk erschöpft sich nicht in launigem Feuilletonismus; endlich einmal schrieb ein Berliner mehr als lokalpatriotische Propaganda. Kiaulehns Fleiß und Vorsatz sind bewundernswert; er mag wohl jahrelang gesammelt, gesichtet, gesondert haben, ehe er ans Schreiben ging – in München. Wo dieser bedeutendste Berlin-Band der letzten Jahrzehnte auch erschien. Das spricht freilich Bände.

Vielleicht schreibt in Karthogo selber niemand so leicht Wälzer über Karthago – nach dem Untergang. Walther Kiaulehn äußert lapidar: "Das Schicksal Berlins läßt sich nur mit dem von Karthago vergleichen." Das mag an der Isar – auch für einen Ex-Karthager – so aussehen; an der Spree kommt die antike Pointe nicht an, und Nante würde äußern: "Mönsch, Mann, komm’ Se ma kieken."

Trotzdem, in der Hauptsache stimmt es, was der verehrungswürdige Kollege zusammengetragen hat. Seine Palette läßt kaum etwas aus, selbst die Fehlfarben nicht – die schließlich auch das liebe olle Berlin hat. Aber was so ist (war), war (ist) schon imposant. Im Namensregister: Hans Albers bis Heinrich Zille; dazwischen Udet, Spengler, Siemens – Sauerbruch, Noske, Planck – Fritzi Massary, Liebknecht, Käthe Kollwitz – Gerhart Hauptmann, Maximilian Harden, Marlene Dietrich – Bismarck, Willy Birgel, Aschinger.

Das alles und noch viel mehr lebte und webte am Schicksal der Weltstadt Berlin. Kiaulehn setzt die Zeit von "Geschick und Geschichte" ziemlich genau an: 1870 bis 1933. Oft treibt es ihn allerdings ab bis tief ins beginnende 19. Jahrhundert. Das Jahr 1848 wertet er zu Recht als Weichenstellung. Aber die Berliner Literatur läßt er mit dem Alten Fritz beginnen; das ist recht früh (und französisch). Für Gottfried Benn hingegen, dessen ganzes Lebenswerk mit Berlin verbunden ist – auch vor 1933 – fallen nur zwei beiläufige Erwähnungen ab.

Fontane geht es besser – vielleicht weil er Theaterkritiker war, und Walther Kiaulehn hat fürs Berliner Theater besonders viel übrig. Wen wundert’s? Bewundernswert um so mehr, daß er neben den kulturellen Fragwürdigkeiten der Gründerzeit nicht die tatsächlich großen, die politischen, die sozialen Fragen vergißt. Ausgezeichnet die Übersicht zur Entwicklung des "Berliner Sozialismus"; Kiaulehn kann auch so etwas in jenem wirklich berlinisch beiläufigen Tonfall berichten, der die Sachen ernst nimmt, aber nicht unbedingt schwer.