In Nr. 5 der ZEIT hat unser F. L. -Mitarbeiter eine "Umstellung" in der Textilindustrie befürwortet und vor einer Schließung der Grenzen gewarnt Ein versierter Leser aus der Bekleidungsbranche knüpft an diesen Beitrag – "Hier kann der Staat wenig tun" – mit einigen nachdenklichen und grundsätzlichen Überlegungen an. Seine Frage, ob wir den Wettbewerb mit dem Industrialisierungsprozeß in den Ländern des "Reisstandards" überhaupt aufnehmen oder uns im voraus vor den Folgen dieser Welle schützen sollten, ist nicht leicht zu nehmen, und gewiß ist ein Interessentenstandpunkt nicht schon als solcher falsch oder nur egoistisch. Nach wie vor glauben wir jedoch nicht, daß es Unsere Aufgabe ist, die Durchlöcherung einer liberalen Handelspolitik zu sanktionieren. Die Bundesrepublik würde mit einer Politik der "Ausnahmen" bald in der völligen Abkapselung enden – und wirtschaftlich völlig stagnieren. Wer will das?

Integraler Liberalismus auf Kosten der deutschen Textilindustrie" – darauf läuft die Stellungnahme von F. L. im Wirtschaftsteil vom 30. Januar hinaus. Denn, daß "der Staat hier wenig tun kann", wird immer weniger Leute überzeugen, seitdem derselbe Staat gerade angefangen hat, zugunsten der Kohlenwirtschaft gegen die je nach Bedarf mehr oder weniger heiligen Gebote des Liberalismus zu sündigen. Die deutsche Textilindustrie ist in ihrer Mehrheit genauso unschuldig an der Krise, in der sie sich schon befindet und der Sie sie nach einer "Umstellungsperiode" ohne Rücksicht auf Verluste aussetzen wollen, wie es die Kohlenimporteure an den Folgen der Importdrosselung sind. (Da der integrale Liberalismus die Hausreligion aller Importeure ist, hat es Jacques Stohler nicht allzu schwer, auf der gleichen Seite eine scharfe Lanze für deren berechtigte Interessen einzulegen.)

Wer den Ausdruck Textilkrise nur in Anführungszeichen gebraucht – wie F. L. –, will sie nicht wahrhaben. Beschäftigung und Auftragsbestand von anerkannt rationellen Betrieben sind aber nicht als "Saisonschwankung" oder ähnlich zu erklären. Oder soll man erst von Krise sprechen dürfen, nachdem die deutsche Textilindustrie (wie die in Lancashire) auf ein Viertel ihres Bestandes zusammengeschrumpft ist?

Arbeitsbedingungen wie die, welche heute in Indien und Hongkong herrschen, haben Karl Marx vor 100 Jahren dazu gebracht, die Welt zu verändern. Die soziale Lage der Textilheimarbeiter in Prato hat jetzt vielleicht den Stand von Deutschland zur ersten Zeit der Bismarckschen Gesetze erreicht. Auf eine solche Konkurrenz kann sich kein deutscher Unternehmer umstellen, da helfen keine "Umstellungsperioden". Schon deshalb nicht, weil kein Unternehmen kreditwürdig für eine Rationalisierung ist, dessen Preise nach Ablauf von äußerst fragwürdigen "Selbstbeschränkungsabkommen" sofort hoffnungslos unterboten werden können. Hier wird man nicht umhin können, Farbe zu bekennen: was erscheint uns wichtiger, die wirtschaftliche Existenz von einigen hunderttausend Staatsbürgern, oder "ein deutlicher Rückschritt im liberalen Außenhandel"?

Ihre Forderung, den zweitwichtigsten Wirtschaftszweig des eigenen Staates der Konkurrenz von Reisstandard-Ländern auszusetzen, würde allerdings in den Ländern, die das System entwickelt haben, nicht als "liberal" angesehen werden, weil dort dieser Begriff den sozialen Fortschritt einschließt. Ein Vorschlag, aus Rücksicht auf andere den Ruin der eigenen Industrie auch nur zu riskieren, würde als Verstoß gegen den common sense gelten, der höheres Ansehen genießt, als alle logisch deduzierten Lehrsätze. Selbstverstümmelung ist zudem kein guter Weg, um fremden Völkern zu helfen.

Wenn nur die "eigensüchtigen" Interessen der geschädigten Textilunternehmer die Umstellung auf die Konkurrenz der Niedrigpreisländer verhindern würden, dann wäre damit publizistisch wohl fertig zu werden. Aber wollen Sie dem Arbeiter in Rheine und Taifingen erklären, er soll kurz arbeiten oder seinen erlernten Beruf aufgeben, damit seine Kollegen in Bombay und Osaka besser leben können? Nach den Erfahrungen von 1929 bis 1939 wissen wir, daß dem Arbeiter die Lohntüte wichtiger ist als die Staatsform. Demokratie und Massenarbeitslosigkeit schließen sich in allen hochentwickelten Industrieländern gegenseitig aus. Auch die Überführung von Hundertausenden von Arbeitern in andere Industrien, d. h. praktisch, in andere Wohngebiete läßt sich heute unter demokratischen Bedingungen nicht durchführen.

Die Autarkiebestrebungen der Entwicklungsländer bieten eine Fülle von juristischen Handhaben, um auch unsererseits alle Kontingente aufrechtzuerhalten oder um Kontingente wieder einzuführen. Gegenmaßnahmen sind nicht ernstlich zu befürchten, solange wir dasselbe tun wie alle anderen Industriestaaten. Nun wird freilich, was Washington und Paris erlaubt ist, Bonn noch lange nicht erlaubt. Wir können schlimmstenfalls die kommunistische Partei wieder erlauben. Ohne die Rote Armee ist sie keine ernste Gefahr. Aber wie viele Vorteile und welches Verständnis für die Notwendigkeiten der Innenpolitik holen Paris und Rom seit Jahren in Washington mit dem Hinweis auf ihre kommunistischen Parteien heraus!