Die Kritik sollte nicht meinen, die Deutschen hätten den Expressionismus gepachtet. Soll diese Stilbezeichnung mehr sein als ein modisches Schlagwort, sehen wir in ihr die Wende von impressionistischer Kunstanschauung zum Durchbruch eines neuen Bemühens um Ausdruckswerte T"; individuell menschlichen und überpersönlichmythischen — so überragt Chagall alle seine Weggenossen, die deutschen nicht nur, sondern auch die französischen, um Haupteslänge. Niemals sind die "Fauves" so wild, so leidenschaftlich, so sehr vom inneren Erlebnis her bewegt gewesen wie er. Selbst ein Georges Rouault, der einzig zum Vergleich herangezogen werden könnte, ist in seinen flaubensstarken Bildern viel traditionsbedingter, ein Erfinder neuer, sondern ein Erneuerer überlieferter Vorstellungen. Und die Deutschen: wie sehr wirkt etwa die Kunst Emil Noldes, dessen innere Glut nicht geringer ist, neben Chagall malerisch unausgeglichener, weniger weltläufig, ganz seinem Heimatboden verhaftet. Vielleicht ist Frara Marc im Geiste dem Russen am verwandtest!, aber er ist thematisch begrenzter, sein jäh abgebrochenes Lebenswerk entbehrt noch der Fülle.

Alfred Hentzen hat es in seinem Vorwort zu idem Ausstellungskatalog deutlich gemacht, wie sehr die Umweltbedingungen den in bildloser jüdischer Glaubenswelt aufgewachsenen ArbeiterSohn genötigt haben, sich alles selber zu erobern. Die Verbindung von Erinnerungen an die heimische Volkskunst und Ikonenmalerei, die noch heute in ihm mächtig sind, mit dem ganzen neugewonnenen Reichtum europäischer Malkultur aus Vergangenheit und Gegenwart, den Paris ihm erschloß, ergab einen bisher nie gehörten Ton, jugendlich kühn und doch im Urtümlichen wurzelnd Äußerlich von der Heimat getrennt und in den Strom der Welt geworfen, hätten Schwächere die Lebenskraft eingebüßt. Der äußerst sensitive, aber niemals schwächlich schwankende, der naive und doch lernbereite, vom russischen Dörfler zum Europäer sich entwickelnde Jude ruht fest in der eigenen schöpferischen Phantasie und hat aus der Sicherheit des persönlichen Erlebens eine Kunstsprache gefunden, die alle anrührt, die bereit sind, sich den bewegenden Schicksalsmächten, unserer Zeit zu stellen. Eine große Güte lebt in Chagalls "Welt, Mitgefühl mit den Armen und Verfolgten, aber auch mit der Seligkeit der Liebenden, mit den [Tieren, die vielfach personale Gestalt gewinnen, eine natürliche Verständigung mit den Gezeiten, mit Blühen und Vergehen, Geburt Nund Tod, Tag und Nacht ~hat es zu bedeuten, daß so oft auf Chagalls religiösen Darstellungen der gekreuzigte Christus erscheint, nicht selten in naher Verbindung mit Gestalten und Symbolen der mosaischen Welt? Einmal ist Christus für ihn der verfolgte Jude schlechthin, stellvertretend für alles spätere Schicksal. Dann aber scheint das betonte Nebeneinander von jüdischer Prophetie und christlichem Märtyrertum, von Kreuz und Gesetzestafeln, Erzvätern und Apokalypse darauf hinzudeuten, daß bei aller Treue zum Väterglauben im Künstler ein Sinn erwacht ist für die Oberwindung kirchlich dogmatischer Enge, eine Rückkehr zum Urgrund alles religiösen Empfindens. Nicht Jude und nicht Christ, aber beides in einem. Allzuleicht sind wir geneigt, das Wunder dieser Kunst zu leicht zu nehmen, nur das Klingende, Leuchtende, Beglückende in uns einzulassen und den Ernst zu überhören. Chagall ist ein Künstler von großem Tiefgang, er versteht es nicht nur zu entzücken, auch aufzurütteln und zu erschüttern, anzustacheln zu neuem eigenen Suchen. Gerade darin besteht die oftmals — namentlich bei seinen radierten Bibelblättern — zu Recht angesprochene Verwandtschaft mit Rembrandt: daß seine religiösen Werke nicht Illustration sind, sondern Deutung, und zwar eine unvergleichlich eigene und neue.

allem romantischen Sinn dieses großen Poeten, der einer oft modisch forcierten Nüchternheit der jüngsten Generation als befremdlich erscheinen mag, ist dennoch die verblüffende Gegenwartsnähe dieser Kunst eines ihrer entscheidenden Merkmale. Warum schweben und fliegen so oft die Menschen, die Tiere und gar die toten Dinge auf den Bildern Chagalls? Das sei russische Volkskunst, werden wir belehrt.

So einfach ist die Sache nicht. Besser schon wäre es zu sagen, daß der primitive Mensch — nicht nur in Rußland — die Realität nicht so genau nimmt, wie wir es tun als immer noch Gefangene einer exakten Naturanschauung und der Zentralperspektive. Bei ihm hausen die "Menschen und die Dinge nicht unbedingt auf der festgegründeten Erde, sondern im Überall und im Nirgendwo. Sie sind nicht, sondern sie bedeuten etwas. Das bedeutende Zeichen aber kann auch schräg von links hereinschauen, auf dem Kopf stehen oder gar kopflos durch die Welt geistern, ohne dabei an sinnbildlicher Kraft zu verlieren, ja, es wird eher unheimlich eindrucksvoller, wenn es auftaucht, wo es nicht erwartet wird.

Chagall aber ist nicht nur ein Primitiver, wie die "Wilden" oder der Zöllner Rousseau, er ist — und zwar in erster Linie — ein Künstler von raffinierter westlicher Malkultur. Wir dürfen also fragen: Wo fängt das an, daß Menschen im Bilde sind und doch nicht ganz? Die Impressionisten schwelgten geradezu in Figuren, die vom Bildrand überschnitten werden. Ihre Kompositionen haben keinen festen Abschluß mehr, wie auch das Auge am Blickrand keine klar erkennbaren Grenzen wahrnimmt. Das ist zwar das Gegenteil von Träumerei, es ist optisch wahrgenommene Wirklichkeit, offene Wirklichkeit. Man sollte aber auch bei Chagall nicht nur von wild gewordener Phantasie sprechen, nicht nur von Märchen. Er hat ein anderes, ein neues Weltgefühl. Diese Welt ist offen, nicht nur nach rechts und links, offen auch nach Seiten des Himmels. Und Himmel meint nicht nur das göttliche Bereich, sondern jenen um die Unendlichkeit erweiterten Teil der Welt, den der Mensch des Atomzeitalters längst als ihr legitim zugehörig empfindet.

Eine nach allen Seiten hin ungesicherte Welt. Ist das etwa nicht Wirklichkeit? Wir sind nicht schwindelfrei, wenn wir das denken. Auch der Maler ist es nicht immer und steckt uns gelegentlich an mit seiner Angst. Aber er tut es nur manchmal, je freier und sicherer seine Malerei sich entwickelt, desto weniger. Schließlich wird er zu einem Menschen, der im Offenen zu Hause ist, und vermittelt uns das Gefühl, daß das ganz selbstverständlich ist. Deswegen fallen bei ihm die Menschen vom Himmel, wachsen aus einem Blumenstrauß, gehen nicht, sondern schweben, leben in der Nachbarschaft von Sonne und Mond. Tieles wäre zu sagen zur Malerei als solcher. Daß sie ohne Paris nicht zu denken ist, leuchtet ohne weiteres ein, ohne das moderne Paris und den Louvre. Die Franzosen nehmen Chagall gern als einen der Ihrigen. Wo aber gäbe es im zeitgenössischen Frankreich solche Farbe? Sie ist nicht so ungebrochen wie bei Matisse, andererseits auch