Immer ist ihr ein erdhafter Klang beigemischt. Immer auch bleibt sie in überraschend disziplinierter Weise den Gegenständen verbunden, auch wenn sie sich große Freiheiten erlaubt. Die Bilder erhalten ihr Licht von innen, vom Stoff her, werden nicht von außen bengalisch angestrahlt, sondern leuchten aus sich selbst, aus ihren geheimen Sinnbezügen wird ihre Strahlungskraft entwickelt. Oft arbeitet Chagall mit starken Gegensätzen von Hell und Dunkel, aber nur selten sprechen die Konturen mit aufdringlicher Schärfe, er ist ein Meister der malerischen Übergänge. Er schwelgt in Nuancen. So versteht er es auch, die lebhaftesten. Farben seiner oft sehr bunten Palette zu künstlerisch überzeugender Einheit zusammenzustimmen. Das gelingt ihm selbst dann, wenn gelegentlich eine einzelne Farbe stark dominiert, wie bei der weißen Kreuzigung oder vor allem beim herrlichen großen Gemälde "Die roten Dächer" mit seinem zunächst fast unübersehbaren Detail Reichtum, das im Mittelpunkt der Ausstellung hängt. Man muß die ganze Bildfläche mit dem Auge abtasten, um recht zu erkennen, wie die übrigen Farben zum Rot in magische Beziehung gesetzt sind und wie dadurch der malerische Reichtum gewahrt bleibt. Bei aller Bewunderung für diese große Kunst soll ein Gefahrenpunkt nicht übersehen werden, der gerade uns Deutsche besonders angeht. Einer ihrer Hauptreize für uns liegt in der so seltenen Verbindung zwischen Ost und West, der unverbrauchten Kräfte des russischen Volkstums und auch der Sinnlichkeit fernöstlicher Märchenwelt mit der überfeinerten Malkultur von Paris. Vergessen wir es aber nicht ganz: Chagall ist ein geographisches Kunstprodukt, er überspringt die Mitte. Das Land der Mitte sind wir. Auch wir sind darauf angewiesen, von beiden Seiten zu lernen, um uns zu bereichern, doch das Hinzugewonnene muß sich durchdringen mit unseren eigenen schöpferischen Kräften. Wir wissen es, wie russische Malerei aussieht, die sich in Deutschland vollendet hat — Kandinsky, Jawlensky, Becktejeff und manche andere sind Beispiele dafür aus der jüngsten Vergangenheit —, die so enorm fruchtbar geworden ist für unsere eigene Malerei, weil sie Elemente der unsrigen mit aufgenommen und dadurch auch für uns vorbildliche Möglichkeiten entwickelt hat.

Chagall ist kein Vorbild. Wir haben eingangs bei gewisser Verwandtschaft die Überlegenheit seiner Malerei über die Noldes festgestellt. Er hat künstlerisch höheren Rang. Doch darf uns das nicht darüber hinwegtäuschen, was ihm fehlt und was jeher hat: Chagall kennt weder die reine Landschaft noch das Stilleben in unserem Sinne, Themenkreise, innerhalb derer Nolde sein Bestes gegeben hat. Durch sein Lebensschicksal hat Chagall die natürliche Heimat verloren und hat sich angesiedelt in einem nur von ihm bewohnten Traumland. Es mag eine altmodische Betrachtungsweise sein, die moderne Kunst nicht für so international zu halten, daß ihre Ergebnisse beliebig übertragbar wären auf jedes Land der Erde. Mag es einstmals dahin kommen, noch besteht der Reichtum auch innerhalb des Verwandten gerade darin, daß landestümlidi bedingte Elemente mit am Werk sind. Auch bei Chagall ist das der Fall, trotz aller Vermischung mit Fremdländischem. Ein Gefühl für die Fremdheit und Unnachahmlichkeit sollte uns immer gegenwärtig bleiben. Zur Ausstellung selbst ist zu sagen, daß sie ein ganz großes europäisches Ereignis bedeutet. Sie ist die bisher umfangreichste, die jemals veranstaltet worden ist. Für Hamburg ist sie zusammengestellt und wandert dann nur noch in zwei Städte weiter: nach München und nach Paris.

Wie bei allen künstlerischen Demonstrationen, die in den letzten Jahren unter Alfred Hentzens umsichtiger Führung in Hamburg gezeigt worden sind, wirkt auch diese durch Ausbreitung eines sehr umfangreichen Materials. Trotz verführerischer Apologie des Veranstalters läßt sich darüber streiten, ob nicht doch gelegentlich ein Zuviel die Eindruckskraft herabsetzt, jedenfalls für den weniger vorgeschulten Besucher, der nun selbst darauf angewiesen ist, das Beste vom guten Durchschnitt zu unterscheiden. Dagegen fehlt, um das Ganze des grandiosen Lebenswerkes recht zu begreifen, Zeichnung und Graphik, in denen Chagall ein ebenso unvergleichlicher Meister ist wie in der Malerei. Wir sind es schon so sehr gewohnt, daß Kataloge sich heute zu wirklich instruktiven Handbüchern auswachse n, fast eine Künstlermonographie ersetzend, daß ausdrücklich auf die Unsumme von dient, die auch in diesem Falle aufgewendet wor ist.

Einen besonderen Glanz erhielt die Eröffnungsfeier durch eine meisterhaft einführende Rede von Georg Schmidt (Base!). Es ist zu hoffen, daß sie auch in Druck zugänglich gemacht wird. Man sollte es beim Schelten auf zu 4el verantwortungsloses Kunstgeschwätz nicht vergessen, daß wir in Männern wie Werner Haftmann, Georg Schmidt dernen Kunst von solchem Rang besitzt, daß sie