Von Eduard Trier

Georges Mathieu ist durch seine catch-as-catchcan-Malerei und historischen Kostümfeste schon so prominent, daß man sich als ganz sensationsunlustiger Kunstkritiker kaum noch traut, den Fernsehreportagen und Society-Berichten über den mondänen Maler noch ein sachliches Wort hinzuzufügen.

Im Gegensatz zu den artistischen Kraftakten, die Mathieu vor einiger Zeit in Düsseldorf vorführte, gab sich der junge, 1921 in Boulognesur-Mer geborene Maler bei der Vernissage der Ausstellung im Kölnischen Kunstverein (bis 22. Februar) betont seriös, so daß sich schnell die Kunde verbreitete, er sei tatsächlich kein Angeber, sondern ein sehr liebenswürdiger, eleganter und gebildeter Künstler.

Georges Mathieu hatte ursprünglich Jura, Philosophie und Anglistik studiert. Nach 1945 trat er als einer der ersten französischen Maler der jungen Generation mit gegenstandslosen Bildern hervor, in denen bereits Bewegungsspuren enthalten waren. Er beschickte die Salons der Realitees Nouvelles und der Surindépendants, wurde dann von dem entdeckungsfreudigen René Drouin unter die Fittiche genommen und machte bald den Sprung nach den USA, wo er häufig ausgestellt hat. Als ich vor zwei Jahren die modernen amerikanischen Museen besuchte, mußte ich erstaunt feststellen, daß es dort schon zum guten Ton gehörte, einen Mathieu zu besitzen.

Die "lyrische Abstraktion", die er angeblich in Reaktion gegen den abstrakten Formalismus vertritt, ließ ihn trotz der gesucht historischen Titel wie "Hommage à Louis XI." oder "Bonnes Paroles du Duc de Bourgogne" als Verwandten der neuen amerikanischen "action-painters" erscheinen. Paris war freilich über Georges Mathieu, das Wunderkind der etwas späten, abstrakten Malerei Frankreichs, geteilter Meinung. Es gibt begeisterte Lobredner, aber auch so bittere Kritiker wie Michel Ragon, der ihm vorwirft, daß er stilistisch sehr viel von Hans Hartung und Wols übernommen habe und daß er sogar mit seinem Tick der historischen Bildtitel den Maler Lapicque kopiere. Sehr boshaft, aber nicht unberechtigt nannte Ragon ihn den "Salvador Dali der abstrakten Kunst".

Mathieus Bilder haben zweifellos Charme, vor allem bei der Begegnung mit einzelnen Exemplaren. Ihr Feuerwerk von bengalischen Farben und sprühenden Bewegungen kann selbst einen hartgesottenen Skeptiker verführen. Sie sind elegant und halten sich "im Rahmen". Sieht man aber an die 50 Bilder auf einmal, dann befremden einen doch die Routine und Gleichförmigkeit der Kalligraphie, die mehr Effekte als persönliche Handschrift ausdrückt.

Mathieus Bilder haben auch "Spannung", die durch den Kontrast von dickflüssigen Farbknäueln und dünn lasierten Flächen zustande kommt. Aber es ist immer dieselbe Spannung. Sie haben schließlich auch eine interessante Faktur, die sich in breiten Farbbahnen, kapriziösen Schnörkeln, schlauchartig weichen Strähnen und munteren Spritzern äußert. Aber hinterher wundert man sich hauptsächlich darüber, mit welchem technischen Trick diese Farbwülste haltbar gemacht werden. Das Ganze wirkte auf mich wie eine Sammlung gordischer Knoten, bei denen man nicht einmal ein Schwert braucht, sondern nur an einem Ende ziehen muß, um sie in Wohlgefallen aufzulösen.

Als Anhängsel der Mathieu-Retrospektive zeigt der Kölnische Kunstverein noch einige Bilder von Alberto Burri (geb. 1915 in Città di Castello) und Marc Tobey (geboren 1890 in Centerville, Wisconsin). Der unvorbereitete Besucher könnte daraus schließen, daß sie zum Hofstaat Mathieus gehören. Tatsächlich sind beide, der mit "Material" malende Italiener und der amerikanische Maler der "weißen Schrift", ganz unabhängige und auch wesentlich bedeutendere Künstler, deren Anteil an der Schau ihrem wahren Rang nicht gerecht wird. Vor allem wäre es wünschenswert, von Marc Tobey, dem Mystiker an der Pazifikküste, einmal eine repräsentative Werkschau zu sehen.