R. S., Bonn, im Februar

Die Europareise des amerikanischen Außenministers John Foster Dulles erscheint heute in einem anderen Licht als noch vor wenigen Tagen. Ehe Eisenhowers fliegender Sendbote seine Reise antrat, hatte in Bonn – und auch in Regierungskreisen – der Eindruck bestanden, Dulles sei, bedrängt von den Flexibilitätspredigern, im Begriff, den Kurs seiner Außenpolitik zu ändern und dem Kreml auch ohne Gegenleistung Zugeständnisse zu machen, zu denen er vorher nie bereit gewesen war.

Heute weiß Bonn, daß von einer solchen Kursschwenkung nicht die Rede sein kann. Die Vereinigten Staaten sind nicht bereit, ihre Transporte nach Westberlin von Organen der "DDR" kontrollieren zu lassen. Die Agententheorie – so hat Dulles der Bundesregierung in Bonn erklärt – sei im offiziellen Washington nur eine kurzlebige Erwägung gewesen und nicht zuletzt aus juristischen Gründen fallengelassen worden. Es steht schon seit längerer Zeit fest, daß die Sowjetunion, wenn sie die Westmächte aus Westberlin wegbringen wollte, Gewalt anwenden müßte. Nun aber steht auch fest, daß sich die Westmächte den Weg nach Berlin nicht durch "technische" Hindernisse verrammeln lassen.

Was immer der Kreml also vorhat, er sollte sich vor Fehlspekulationen hüten. Der Versuch, Westberlin durch Gewalt oder durch die List vorgetäuschter Unpassierbarkeit der Zufahrtswege aus seiner Zugehörigkeit zur westlichen Welt herauszubrechen, müßte gefährliche Folgen haben. Es könnte dann nämlich eine Situation eintreten, die in einem bestimmten Entwicklungsstadium ihre eigenen Gesetze wirksam werden ließe und vielleicht nicht mehr gebändigt werden könnte.

Im übrigen ist der Westen, wie Dulles klarstellte, bereit, durch Verhandlungen mit der Sowjetunion einer solchen Zuspitzung vorzubeugen. Da aber die Berlin-Frage einen zu engen Verhandlungsspielraum bietet, wollen die Westmächte die Verhandlungsgrundlage ausdehnen, um in anderen Fragen Ansätze für westliche Zugeständnisse zu finden, die freilich an Gegenkonzessionen des finden, gebunden sein müßten.

Der sowjetische "Friedensplan" läßt solche Ansatzmöglichkeiten nicht erkennen. Er nimmt sich mehr wie eine Herausforderung denn wie eine Verhandlungsgrundlage aus. Der Westen hat aber nicht die Absicht, jenen sowjetischen Maximalforderungen ein ähnlich demagogisches eigenes Maximalprogramm entgegenzustellen. Er will nüchterne, realisierbare Angebote machen. Aber sie sollen nicht, wie in manchem früheren Fall, schon vor dem Beginn der Verhandlungen mit Moskau bekannt gegeben und wochenlang zerredet werden. Man will die Speisen so kochen, daß sie beim Konferenzmahle noch warm sind. Und man will andererseits nicht den Appetit auf Speisen anregen, die im Westen nicht zu haben sind.

Auch in dieser Beziehung hat der Besuch von John Foster Dulles Klarheit gebracht. Der Konföderationsplan mag manchem Kolumnisten gefallen; Dulles gefällt er nicht. Er weiß, daß es die Erfinder dieses Planes weniger auf das Konföderieren als auf das Überrumpeln abgesehen haben. Was sollte denn auch sonst diese ganze künstliche Konstruktion?