R. N., London, im Februar

Die großen britischen Kraftwerksausrüster machen keinen Hehl daraus, daß das nach langem Hin und Her hier in London unterzeichnete Euratom-Abkommen als kommerziell unbefriedigend und enttäuschend gelten muß. In der Tat kommt es in Substanz und Inhalt ja lediglich einer rechtlichen Formalität gleich. Die eigentliche Zusammenarbeit zwischen England und Euratom soll sich auf den Austausch von Lizenzen und von technischen Informationen beschränken und wird demnach bei weitem nicht an das heranreichen, was Euratom im letzten Dezember mit den USA vereinbaren konnte, nämlich einen mit großzügiger US-Kredithilfe und einem gemeinsamen Forschungsprogramm untermauerten Fünfjahresplan für die Installation amerikanischer Reaktor-Kapazität von insgesamt 1000 Megawatt.

Im Vertrauen auf die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit des britischen Calder Hall-Reaktors und eifrig darauf bedacht, anderen Abnehmern der britischen Atomkraft-Industrie keinen Anlaß zu Klagen über finanzielle Diskriminierung zu geben, hat die britische Regierung alle während der Verhandlung laut gewordenen Kreditansinnen also auf die jedem ausländischen Kunden verfügbaren Möglichkeiten des staatlichen Export Credits Guarantee Department verwiesen. Der Verkauf und die Aufarbeitung von Brennstoffen, wie auch der Rückkauf des bei dieser Aufarbeitung anfallenden Spaltmaterials sollen "zu kommerziellen Bedingungen" erfolgen. Und hatten sich die Amerikaner beim schwierigen Problem der Inspektion – d.h. der Garantie, daß alles produzierte Plutonium ausschließlich zu friedlichen Zwecken verwendet wird – ganz auf das eigene Überwachungssystem von Euratom verlassen, so bestehen jetzt die Engländer auf "Beratung und gegenseitigen Besuchen".

Nun mag es natürlich zutreffen, daß das Euratom-Geschäft der in England zur Konstruktion kompletter Reaktor-Anlagen entstandenen großen Industrie-Konsortien auf längere Sicht gesehen allein von Preis und Leistungsfähigkeit abhängen wird, und die fortentwickelten Versionen des Calder Hall-Modelles demnach kaum um ihre "europäische Zukunft" zu bangen brauchen. Dies um so weniger, als Washingtons Atomic Energy Commission kaum gewillt sein dürfte, den Verkauf amerikanischer Installationen auf alle Zeit hinaus durch Brennstoff-Offerten zu Unterpreisen zu fördern. In der Tat sollen Mitglieder der Brüsseler Kommission anläßlich der Abkommens-Unterzeichnung auch schon Aufträge über jährlich rund 12 Millionen Pfund in Aussicht gestellt haben.

Wie bereits gesagt, hat sich unter den britischen Ausrüstern trotzdem einiges Unbehagen breit gemacht. Niemand hier verhehlt sich, daß das amerikanische Abkommen für Euratom von weitaus größerem Vorteil ist als das britische. Hat England eine Chance verpaßt?