Das Interesse an Erich Kochs Vernehmungen ist längst verebbt

Von Ernst Halperin

Warschau, im Februar

Viermal in jeder Woche fährt seit Oktober 1958 gegen zehn Uhr früh ein Gefängniswagen mit dem ehemaligen Gauleiter Erich Koch vom Untersuchungsgefängnis in Mokotow zum Warschauer Wojwodschaftsgericht an der Szwierczewski-Allee und nachmittags gegen vier Uhr wieder zurück nach Mokotow.

Das Interesse, das der Prozeß anfänglich in der polnischen Öffentlichkeit erregte, ist längst abgeklungen. Die Prozeßberichte sind auf die dritte Seite der polnischen Zeitungen gewandert, und sie werden im kleinsten Druck gebracht. Der rund zweihundert Plätze umfassende Gerichtssaal ist nicht mehr voll, und die Barrieren, die in den ersten Prozeßwochen den Andrang der Zuschauer abfingen, konnten inzwischen weggeräumt werden. Der Kriegsverbrecherprozeß gegen den ehemaligen Gauleiter und Oberpräsidenten von Ostpreußen und Reichskommissar für die Ukraine ist der breiten Öffentlichkeit langweilig und den beteiligten Richtern und Schöffen, Staatsanwälten, Verteidigern und Experten beinahe zur Qual geworden.

Zeugen ohne Ende

Das Verfahren gegen Erich Koch ist eben alles andere als ein Schauprozeß. Den erfahrenen Berufsrichtern Bienkiewicz und Frydecki und den drei Schöffen ist jede Theatralik fremd. Die beiden im Dienst ergrauten Staatsanwälte lassen eine nicht endenwollende Reihe von Zeugen aufmarschieren. Sie hören deren Aussagen wie die Ausführungen der Sachverständigen und den oft stundenlangen Erklärungen der Angeklagten in einer Haltung zu, die an stumpfe Gleichgültigkeit erinnert. Nur wenn die beiden Verteidiger Anträge zu Prozedurfragen stellen, beleben sich die Mienen der Staatsanwälte. Sie stehen auf, schlagen die wehenden Talarärmel um die Körpermitte und stellen in bissiger Formulierung ihre Gegenanträge, gegen die die Verteidiger ebenso scharf und bissig Einwände erheben.