Die etwa 70 000 Aktionäre des Hauses Siemens können mit dem Ergebnis des Geschäftsjahres 1957/58 (30.9.) in doppelter Hinsicht zufrieden sein. Obwohl der Umsatz der Inlandsgesellschaften nur noch um gut 3 v. H. auf 2,94 Milliarden DM gestiegen ist – wozu noch rd. 400 Mill. DM Umsätze der ausländischen Fabriken und 26 Beteiligungsgesellschaften kommen –, erhalten sie nach der vorjährigen Gewinnausschüttung von 10 v. H. Dividende plus 2 v. H. Bonus nunmehr 14 v. H. Dividende. Damit wurde aber keineswegs etwa nur ein Zugeständnis an die Optik der gegenwärtigen Dividendenpolitik gemacht. Dieser nach außen sichtbar gewordenen höheren Ertragskraft steht eineweit stärkere innere Konsolidierung gegenüber, die nicht weniger im Interesse der Aktionäre liegt.

Die Steigerung des Wertpapierbestandes in der konsolidierten Bilanz von 152,4 auf 181,0 Millionen DM und der liquiden Mittel von 182,2 auf 230.5 Mill. DM ist ebenso Ausdruck einer auf lange Sicht betriebenen Finanzpolitik wie der Abbau der Bankschulden und Darlehen von 449,1 auf 375,9 Mill. DM. Berücksichtigt man ferner die Aufstockung der Rücklagen von 274,4 auf 332,5 Millionen DM (davon der freien von 188,5 auf 237.6 Mill. DM) und die von 584,7 auf 671,4 Millionen DM erhöhten Rückstellungen, so ergibt sich eine Finanzkraft, die für die bevorstehenden Aufgaben ausreicht, ohne daß die Aktionäre oder der Kapitalmarkt um neue Mittel angegangen werden müssen. Aller Voraussicht nach wird es, wie Finanzdirektor Dr. Adolf Lohse in einer Pressebesprechung ausführte, noch nicht einmal erforderlich sein, von dem bereits im August 1956 genehmigten Kapital in Höhe von 32 Mill. DM, das bis Ende Juli 1961 befristet ist, Gebrauch zu machen, obwohl im laufenden Geschäftsjahr Investitionen von rd. 220 Mill. DM (i. V. 172 Millionen DM) beabsichtigt sind.

Diese Mittel werden im übrigen nur in geringem Umfang dem Ausbau der bisherigen Kapazitäten dienen, die im wesentlichen dem erwarteten Mehrumsatz von 1 bis 2 v. H. durchaus gewachsen sind, sondern dem Aufbau neuer Produktionen auf den Gebieten Kerntechnik, Elektronik, Halbleiter und anderen kapitalintensiven Fertigungen, die bereits in den zurückliegenden Jahren weitgehend dem Stadium der Laborversuche entwachsen sind. In der Entwicklung dieser Produktionsgebiete sieht die Leitung des Hauses Siemens die beste Gewähr dafür, daß es zu gegebener Zeit in vollem Umfang an einem neuen Konjunkturaufschwung teilhaben wird. Schon jetzt ist rd. ein Fünftel der Gesamtbelegschaft, die im Berichtsjahr von 174 000 auf 179 000, davon im Inland von 160 000 auf 164 000, gestiegen ist, an Forschung und Entwicklung beteiligt.

Wenn die Siemens-Zuwachsrate im vergangenen Geschäftsjahr mit rd. 3 v. H. geringer als die im Durchschnitt der gesamten deutschen Elektroindustrie gewesen ist, so liegt dies an dem bei Siemens von jeher relativ geringeren Konsumgütergeschäft. Es ist mit Beginn des Berichtsjahres bekanntlich auf die mit 50 Mill. DM AK ausgestattete Siemens-Electrogeräte AG, Berlin-München, übergegangen, deren Jahresumsatz von mehr als 350 Mill. DM höher war als der im Vorjahr noch in den Umsätzen von Siemens & Halske und der Siemens-Schukertwerke enthaltene Konsumgüteranteil. Diese Ausgliederung der neuen Gesellschaft verbietet auch einen Vergleich der Bilanzen der beiden Stammhäuser mit den vorjährigen Abschlüssen, weil sich damit nicht nur einzelne Aktiv- und Passivposten sondern auch gewisse Relationen zwischen Anlage und Umlaufvermögen verändert haben.

Ein anderes Moment, das in der einzig vergleichbaren konsolidierten Bilanz gleichfalls keinen Niederschlag findet, ist die Verschiebung der Schwerpunkte. So sind im Berichtsjahr u. a. die Lieferungen an die Grundstoffindustrie, den Schiffbau und die Textilindustrie zurückgegangen, die Lieferungen an Kraftwerke, an den Fahrzeugbau und die chemische Industrie jedoch entsprechend gestiegen. Den leicht erhöhten Auftragseingängen aus dem Inland standen rückläufige Auslandsaufträge gegenüber. Demnach ist der Exportanteil am Gesamtumsatz absolut von 788 auf 794 Mill. DM gestiegen, relativ jedoch von 28 auf 27 v. H. zurückgegangen.

Das Auslandsgeschäft wird trotz der verstärkten internationalen Konkurrenz und der bekannten Schwierigkeiten vor allem in Brasilien und Argentinien als "weiterhin befriedigend" bezeichnet. Die politischen Ereignisse im Irak und in Indonesien haben das Geschäft nicht beeinträchtigt, und auch in den genannten südamerikanischen Ländern sind die neuen Fabriken gut angelaufen. Für den Ausbau der ausländischen Fabriken und Niederlassungen und den Rückkauf enteigneten Auslandsbesitzes sind von dem gesamten Investitionsprogramm des laufenden Jahres Aufwendungen von 30 bis 40 Mill. DM vorgesehen. Dabei wird im Laufe dieses Jahres "im Sog der EWG" mit der Rückkehr der früheren Niederlassungen u. a. in Italien, Spanien und Portugal in den Siemens-Verband gerechnet.

An neuen deutschen Werken ist im Berichtsjahr der Rohbau der Apparatefabrik München fertiggestellt worden, in dem Entwicklung und Produktion der Regelungstechnik konzentriert werden, und in Wesel eine Fabrik für die Fertigung kleinerer und mittlerer Industrieturbinen entstanden. Das gesamte Rundfunk- und Fernsehgeschäft wurde von Karlsruhe nach Berlin in neue, moderne Räume verlegt.