Der Durchschnittsamerikaner fühlt sich, so scheint es, heute in der nicht eben befriedigenden Rolle eines Kaufmannes, der mehr und mehr Geld in sein Geschäft investiert und der erkennen muß, daß ihm die Konkurrenz trotz allem unaufhaltsam davonläuft. Das ist bitter für einen Geschäftsmann, und das ist bitter für ein Volk, das sich daran gewöhnt hat, die politischen Wettläufe unter den Aspekten von "Konkurrenz" und "Wertkampf" zu betrachten.

Zwei Meldungen haben in diesen Tagen das sputnikgeschwächte Selbstbewußtsein der Amerikaner sehr empfindlich getroffen. Die eine kam aus Moskau. Dort hatte auf dem XXI. Parteitag Ministerpräsident Chruschtschow erklärt, daß die Sowjetunion jetzt mit der Serienproduktion von Interkontinental-Raketen begonnen habe. Die andere Meldung, die – genau besehen – zwei Bestandteile enthält, kam aus Washington und besagte, daß die Vereinigten Staaten zwar 60 Prozent ihres neuen Haushalts (nämlich rund 170 Milliarden Mark) für Verteidigungszwecke ausgeben wollen – daß aber dennoch nicht die geringste Chance bestehe, den "Raketenvorsprung" der Sowjets in naher Zukunft aufzuholen.

Und dabei sind kaum mehr als 14 Tage vergangen, seit der amerikanische Verteidigungsminister McElroy erklärt hatte, es könne nicht die Rede davon sein, daß die Herren im Kreml über mehr und bessere Raketen verfügten als das Pentagon in Washington.

Als McElroy dann allerdings von den demokratischen Mitgliedern eines Senatsausschusses hart in die Zange genommen wurde, mußte er zweierlei zugeben: Erstens, daß die amerikanischen Informationen über den Stand der sowjetischen Raketenproduktion natürlich nicht den Anspruch auf absolute Zuverlässigkeit erheben könnten. Und zweitens – so McElroy – ließe sich gar nicht ableugnen, daß die Russen mindestens im nächsten oder übernächsten Jahr, was die Interkontinental-Raketen anlange, etwa im Verhältnis drei zu eins vor den Amerikanern lägen.

Nun verdient allerdings Beachtung, was der amerikanische Verteidigungsminister weiter ausführte. Er sagte, der sowjetische Vorsprung werde nur vorübergehend dauern. Bis spätestens Mitte der sechziger Jahre hätten die Vereinigten Staaten die Russen wieder eingeholt. Bis dahin seien nämlich die beiden (bisher allerdings noch nicht einmal erprobten) Raketentypen Minuteman (Air Force) und Polaris (Navy) gewiß in so großer Zahl vorhanden, daß die Frage von Wettlauf und Vorsprung dann alle Bedeutung verlöre.

In der Zwischenzeit aber – so wiederum der scharf attackierte Verteidigungsminister – sei es nach Auffassung der amerikanischen Regierung ganz zwecklos (und viel zu teuer), sich mit der Sowjetunion auf einen doch nur propagandistischen Zweikampf um Raketenzahlen einzulassen. Denn nicht die Zahl der einsatzbereiten Interkontinental-Raketen sei schließlich ausschlaggebend, sondern die Gesamtverteidigungsstärke. Und diese setze sich – im amerikanischen Falle – zusammen aus Interkontinental-Raketen plus Mittelstrecken-Raketen (stationiert auf Basen in Europa und Nahost) plus den Bombern des Strategie Air Command.

So also stehen in Amerika die Fronten: Die demokratische Opposition (und mit ihr wohl ein sehr großer Teil der Öffentlichkeit) richtet all ihre Aufmerksamkeit auf den vom Kreml beanspruchten und neuerdings auch von Washington bestätigten sowjetischen Raketenvorsprung.