In den letzten Jahren schien sich die israelische Einwanderung zu "normalisieren". Zwar kamen Monat für Monat noch immer mehrere Tausend Juden (1958 insgesamt rund 27 000) ins Land, aber die Regierung vermochte mit dem Zustrom ohne allzu viele Schwierigkeiten fertig zu werden. Die Neuankömmlinge konnten direkt vom Schiff oder vom Flugzeug nach ihren neuen Wohn- und Arbeitsstätten übergeführt werden, und wenn sie sich zunächst vielfach mit recht primitiven Verhältnissen behelfen mußten, so ging doch ihre Eingliederung bemerkenswert rasch und ohne die Zwischenstation eines zermürbenden Aufenthaltes im Massenlager vor sich.

Heute aber sieht es so aus, als ob diese Lager – die gefürchteten Ma’abaroth – wieder in Betrieb genommen werden müßten: Die neue Masseneinwanderung aus Rumänien, die im Dezember eingesetzt hat und anscheinend auf unabsehbare Zeit weitergehen wird, droht alle Berechnungen der israelischen Planer über den Haufen zu werfen.

In den Monaten Dezember und Januar sind ungefähr 15 000 rumänische Juden ins Heilige Land gekommen, nachdem im November die Regierung in Bukarest ihren jüdischen Untertanen die bisher gesperrte und nur in Ausnahmefällen bewilligte Ausreise freigegeben hatte. Da in Rumänien noch immer etwa 250 000 Juden leben (annähernd so viel wie in allen anderen Ländern Osteuropas außerhalb der Sowjetunion zusammen), muß man damit rechnen, daß im Laufe dieses Jahres gegen 100 000 Menschen von der Ausreiseerlaubnis nach Israel Gebrauch machen werden.

Das bürdet Israel und der Jewish Agency, die die Einwanderer betreut, eine ebenso schwere wie unerwartete Last auf. Allein der Transport und die vorläufige Unterbringung von wöchentlich rund 2000 rumänischen Flüchtlingen kommt die Jewish Agency auf rund 12 Millionen Mark in der Woche zu stehen (wobei man nicht vergessen darf, daß die sonstige Einwanderung, vor allem aus Nordwestafrika, daneben unvermindert weitergeht). In Israel selber müssen, um die plötzlich hereinbrechende Einwanderer-Welle aus Rumänien aufzufangen, mehr Wohnungen gebaut, mehr Schulen und berufliche Ausbildungszentren geschaffen und, vor allem, mehr Arbeitsplätze bereitgestellt werden.

Bei einer erwarteten zusätzlichen Immigration von 100 000 Seelen im Laufe des Jahres 1959 dürfte das, zusammen mit den Transportkosten, Ausgaben in der Größenordnung von einer Milliarde Mark verursachen. Was diese Zahl bedeutet, kann man daraus ablesen, daß das gesamte, von Finanzminister Eshkol dem Parlament vorgelegte Budget für das Finanzjahr 1959/60 wenig mehr als 3 Milliarden Mark Gesamtausgaben vorsieht.

Die neuen Anforderungen fallen um so schwerer ins Gewicht, als sie in einem Augenblick kommen, da die israelische Wirtschaft nach Jahren stürmischer Expansion einen ersten schweren Rückschlag durch die ungewöhnlich hartnäckige Dürre erlitten hat. Da das Wasser – Israels Herzblut – immer knapper wird, dürfte die diesjährige Ernte erheblich hinter den Rekordzahlen der vergangenen Jahre zurückbleiben. Der Rückgang des Wasserstroms zusammen mit dem jähen Ansteigen des Einwandererstroms bedroht den jungen Staat mit einer neuen ökonomischen und finanziellen Krise. F. R. A.