Eine Touristin schreibt aus Paris

Heute bin ich drei Wochen in Paris. Wär’s nicht so kalt und fast überall ungeheizt, dann wär’s wie im Paradies. Zur Erwärmung bin ich Kinoexpertin geworden. Ich hätte nicht gedacht, daß solch ein Bedarf an Filmen von leichten Mädchen existiert. Aus dieser Welt ist mir bald nichts mehr fremd. Man lernt dabei Französisch, ich bilde mir das wenigstens ein. Es wird wohl danach sein!

Ich hatte Glück und konnte eine Eintrittskarte für eine Dior-Modenschau erjagen. Überall fanden jetzt die Vorführungen der neuen Frühjahrs- und Sommermodelle statt. Zuerst mußte ich Spießrutenlaufen, mehrere Treppen hinauf, die von Dior-Damen eskortiert waren, und mir dann bei dem französischen Durcheinander möglichst unaufdringlich einen Platz sichern. Zwei sich streitende Damen halfen mir dadurch, daß alle anderen zu ihnen hinschauten und ich unbemerkt den letzten freien Stuhl besetzen konnte. Viele Nerze saßen rundherum, aus denen gelangweilte Gesichter sahen. Schöner Schmuck, gleich pfundweise, gehörte dazu, und alle Düfte Arabiens umwehten mich. Kaum ein junges Gesicht, bis auf die Mannequins. Unter ihnen nur zwei auffallend hübsche.

Es waren mehr als zweihundert Modelle; beim hundertundfünfzigsten fingen die meisten Damen an zu gähnen. Mir waren auch schon die zwanzig davor anstrengend. Zigarettenrauch vernebelte mir die Sicht. Zwischen zwei Damen neben mir verebbte langsam die rauschende Unterhaltung über alle Klatschgeschichten ihrer Bekannten.

Am Anfang war es interessant: Viele Kostüme mit und ohne Gürtel, vorn wie ein Brett, hinten gebauscht. Alles sehr tragbar und nicht übertrieben neu. Herrliche Stoffe, viel blau. Die Sommerkleider aus dünnster Seide oder voileähnlichem Stoff, resedagrün, helles rosa und alle Schattierungen von rot bis blaurot. Diese Voile-Kleidchen hatten so etwas von "Hasch mich ...". Zu manchen gehörten drei Röcke übereinander; viele Kleider waren von oben bis unten plissiert und vorn tief ausgeschnitten. Dazu Hüte von Untertassengröße bis zum Stehlampenformat.

Diese Kleider waren für Größe und Alter der Mannequins sehr geeignet. Hübsch dann wieder die kurzen Abendkleider, die hübschesten aus schwarzen, aneinandergesetzten Spitzen, Tonnenröcke, viele fabelhaft bestickt oder mit Strass und Muscheln besetzt. Bei den langen Abendkleidern verließ mich das Interesse, obgleich sie ungemein kostbar waren.

Wenn man dann als geschlagener Mensch die Treppen wieder hinuntergeht, machen sie unten in ihrer Boutique Jagd auf Kundinnen. So konnte ich dort nichts mehr ungestört ansehen, und draußen sieht man nur Parfümflaschen in den vielen Schaufenstern.

Jeder in Paris gibt mir gute Ratschläge, was ich noch besehen sollte. So werde ich mich wohl noch lange amüsieren. Alice Meyer