Von Gottfried Sello

Es geht kreuz und quer durch Paris, von einer Vernissage im Musée d’Art Moderne zur Premiere des neuesten Montherlant, von einem Atelierbesuch bei Hans Reichel zu einem Vortrag von Albert Camus, von einem Stadtteil zum andern, wobei ein "Stadtteil", eben weil es sich um Paris handelt, mehr als ein "quartier", nämlich auch ein geistiger Bezirk ist.

Der große Georges Braque wird interviewt (ausnahmsweise nicht in Paris, sondern in seinem Bauernhaus an der normannischen Küste in Varengeville), das Gespräch wird im ersten Atelier begonnen und im zweiten fortgesetzt – das erste Atelier dient dem Maler zum Nachdenken, das zweite zum Arbeiten. Beim Besuch von Jean Cocteau in dessen Pariser Wohnung kommt es dagegen zu keinem realen Gespräch. Der Dichter ist zu müde, um seine Besucherin zu empfangen, die sich nun, inspiriert von der Atmosphäre, gleichsam mit dem abwesenden Dichter unterhält.

Zwischen den Punkten des umfangreichen kulturellen Pensums bleibt genügend Zeit, das Leben auf der Straße Zu beobachten, im Bistro eine Mahlzeit zu nehmen und vom Café de la Maine einen Blick auf die Front von Saint-Sulpice zu werfen und anschließend dem Wandbild von Delacroix "Der Kampf mit dem Engel" im Innern der Kirche eine Betrachtung zu widmen.

Aus derart lockeren Impressionen ist ein ungemein lebendiges Panorama der Stadt und ein Buch entstanden, das unsystematisch und charmant über das neue Paris orientiert:

Gertrude von Schwarzenfeld: "Das neue Paris – Es begann mit Dada"; Marion von Schröder Verlag, Hamburg; 304 S. und 16 Kunstdrucktafeln; 21,80 DM.

Der Titel ist mißverständlich. Keinesfalls hat das neue Paris mit Dada begonnen, und die Autorin ist weit davon entfernt, etwas derart Ungereimtes zu behaupten. Dada ist weder in Paris erfunden worden, noch hat er hier eine nennenswerte Rolle gespielt. "Es begann mit Dada" ist lediglich die Überschrift eines kurzen Essays über die Pariser Dada-Ausstellung 1957, und diese journalistisch flotte Überschrift muß nun als Titel für das ganze Buch herhalten.