Von Luiselotte Enderle-Kästner

Ich kannte Erich Kästner schon, ehe ich ihn "richtig" kennenlernte. Wie alt mag er damals gewesen sein? 26? Oder schon 27? Also es ist, wie man sieht, ein paar Jahre her. Er war Redakteur bei der "Neuen Leipziger Zeitung". Er war Mitarbeiter bei vielen Zeitungen und Zeitschriften und auch bei uns. Wir hießen "Beyers Für Alle" und hatten auch eine Kinderbeilage. Er schrieb bei uns für die Großen und die Kleinen.

Ich kannte, weil ich von der Schule weg in diese Redaktion hineingerutscht war, erstens Kästner persönlich, ihn außerdem als "E. K.", als "Peter Flint" und als "den kleinen Erich". So nannte Hilde Decke ihn, meine Chefin, die Chefredakteurin, weil er kleiner war als der große Erich, der Erich Ohser, der Zeichner, der ebenfalls unser Mitarbeiter war. Der große und der kleine Erich besuchten uns oft in der Redaktion. Beide waren sehr frech. Fanden wir. Kästner übertraf Ohser bei weitem. Meine Kollegin Lena und ich konnten ihm dennoch nicht widerstehen. Aber wir widerstanden ihm. Schon weil Hilde Decke auf Ordnung hielt.

Als unsere Zeitschrift, ein halbes Jahr nach der Gründung, den hunderttausendsten Abonnenten "erworben" hatte, beschlossen wir, ein Fest zu feiern. Es sollte bei Kästner stattfinden. Wir weiblichen Redaktionswesen verkleideten uns als Kinder. Das war, so "alt" wie wir waren, ein sehr aparter Einfall. Wir zogen kurze Kleider an, banden Schärpen um die runden Jungmädchenhüften und große Schleifen ins Haar. Es muß ein hübscher Anblick gewesen sein. Wir liehen uns ein Grammophon (mit Trichter) und ein paar kesse Platten, kauften vom zusammengelegten Geld eine Ananas. Für die Bowle. Den Wein wollten die "Jungs" stiften. Das waren, für diesen Abend, der "kleine und der große Erich" und Paul. Auch Paul war einer unserer Mitarbeiter und wie Kästner Redakteur bei der "Neuen Leipziger Zeitung". Er hieß Beyer und zeichnete mit By. Deshalb hieß er der "Bypsilon".

Wir Mädchen landeten völlig aufgekratzt und albern, jede mit irgend etwas beladen, in der Hohestraße, wo Kästner zwei Zimmer bewohnte. Wir lachten viel und laut und pantschten eine Bowle zusammen, in die wir Ananas hineinschnitten.

Dann spielten wir Grammophon. Wir saßen nebeneinander auf dem Sofa, wie die Hühner auf der Stange, und fischten, weil wir’s chic fanden, mit den Fingern Ananasstücke aus der Bowle. Die Jungs waren sehr langweilig.

Da sagte eine von uns dreien: "Ihr seid ja heute wahnsinnig lustig!" Bypsilon zog daraufhin kräftig an seiner Shagpfeife, und der kleine Erich fragte: "Woll’n wir’s den Mädchen sagen?" Die Jungs nickten. Bedächtig, wie alte Herren. Der "kleine Erich" drehte die große Beleuchtung aus, mit der das Fest illuminiert worden war. Nun brannte nur noch eine dezente Lampe auf dem Tisch.