Solange englische Regimenter vom Himalaja bis Indochina den asiatischen Subkontinent besetzt hielten, waren alle diese Völker ein Herz und eine Seele. Aber seit die Fremden dieses Gebiet räumen mußten und einzelne Länder und nationale Grenzen errichtet wurden, hat sich das geändert: Erbitterte Fehde zwischen Indien und Pakistan über Kasch-Streit zwischen Colombo und New Delhi mir; Ärger mit wegen der indischen Minoritäten; Burma ...

Eine ähnliche Entwicklung bahnt sich im Nahen Osten an. Solange die Kolonialmächte dort herrschten, ja, auch als sie nur noch Stützpunkte und Flugbasen dort unterhielten, wuchs eine einheitliche, starke nationale arabische Bewegung heran. Jetzt beginnen sich auch dort divergierende Interessen herauszubilden. Bisher hatte Chruschtschow es leicht. Er spielte einfach die Rolle des großen Bruders aller arabischen Freiheitskämpfer: allzeit bereit, mit Waffen, Technikern und Kapital den "Erniedrigten und Beleidigten" zu Hilfe zu eilen. Was aber wird er jetzt tun? Jetzt, da die Gegensätze zwischen Nassers Nationalismus und Kassems Pro-Kommunismus nicht mehr zu übersehen sind?

Präsident Nasser, der den Schlüssel zum panarabischen Nationalismus zu besitzen schien, war für Moskau lange Zeit die begehrenswerteste Figur. Aber jetzt, da der irakische General Abdul Karim Kassem in der vorigen Woche aus seinem Kabinett alle pro-ägyptischen Kräfte entfernt und sie durch Vertreter der national-demokratischen Partei ersetzt hat, wird Kassem für Chruschtschow immer interessanter. Nasser oder Kassem – das ist Chruschtschows Frage.

Wenn man hört, daß die Führer der Tudeh, der kommunistischen Partei Persiens, ständig in Bagdad sitzen, wenn man hört, daß der Führer der irakischen Kurden (auch in Persien gibt es eine große kurdische Minorität), der sowjetfreundliche Barzana, ein enger Freund Kassem ist, und wenn man schließlich weiß, daß seit zaristischen Zeiten Persien und der Persische Golf immer ein Ziel der russischen Expansion waren, dann könnte man sich vorstellen, daß Chruschtschow – sollte er zur Entscheidung gezwungen werden – Kassems Partei ergreifen wird.

Am 27. November 1958 – übrigens am gleichen Tag, an dem bei uns die russische Berlin-Note einging – wurden im irakischen Hafen Basra die ersten sowjetischen Waffen ausgeladen. Angeblich soll sich der Wert der Lieferungen mittlerweile auf rund 800 Millionen D-Vlark belaufen. Eine mit Moskau verschwägerte Regierung in Bagdad, das wäre in der Tat eine tödliche Umklammerung Persiens. Dff.