Von Wolfgang Krüger

Stehen wir, nach einer längeren Verschnaufpause, vor einer neuen Lohnoffensive der Gewerkschaften? Die Frage zum mindesten ist berechtigt, nachdem der Direktor des Wirtschaftswissenschaftlichen Instituts der Gewerkschaften (WWI), Professor Gleitze, vor der Presse in Bonn die These in die Debatte geworfen hat, daß die Verbrauchskonjunktur in der Bundesrepublik durch eine "Verbesserung des Reallohns der Arbeitnehmer" in Gang gebracht werden müsse. "Zur Stärkung der Massenkaufkraft" seien in der gegenwärtigen Situation Lohnsteigerungen "keineswegs bedenklich".

Sollten sich diese Äußerungen eines maßgeblichen Mannes des gewerkschaftlichen Gehirntrusts tatsächlich als ideologischer Auftakt einer neuen lohnpolitischen Aktion entpuppen, dann hätte sich also die um die Jahreswende – als viele Gewerkschaften von der Kündigungsmöglichkeit der Tarifverträge keinen Gebrauch machten – aufgekommene Hoffnung auf eine realistischere Lohnpolitik als trügerisch erwiesen. Das gewohnte Bild hätte sich dann nur insofern geändert, als es dieses Mal nicht die Metallarbeiter sind, die den Reigen eröffnen. Dann wäre die bereits erfolgte Kündigung der Lohntarife im Baugewerbe – die Verhandlungen zwischen beiden Parteien sind in der vergangenen Woche aufgenommen worden – und der Gehaltstarife für die Industrieangestellten in Württemberg und Nordbaden durch die Deutsche Angestelltengewerkschaft als die erste Etappe einer größeren Lohnbewegung zu werten, die im Laufe der nächsten Monate auch die meisten anderen Bereiche der Wirtschaft erfassen wird.

Jede nüchterne Überlegung wehrt sich gegen eine solche Vorstellung. Das Bild der westdeutschen Konjunktur ist außerordentlich zwielichtig. Neben Wirtschaftsbereichen mit gedrückten Umsätzen und Absatzschwierigkeiten (Kohle, Stahl, Textilien) stehen andere, die nach wie vor in der Sonne der Voll- oder sogar zeitweiligen Überbeschäftigung (wie etwa das Baugewerbe) florieren. In einer solchen Situation ist ein allgemeines Hochziehen der Arbeitnehmereinkommen zur "Ankurbelung der Verbrauchskonjunktur" gefährlich. Die Wirtschaft bekommt nämlich, bevor sie von den Segnungen einer durch allgemeine Lohnerhöhungen angeheizten stärkeren Verbrauchernachfrage profitiert, zunächst einmal die damit verbundenen Kostenbelastungen zu spüren. Viele der auf der Schattenseite der Konjunktur balancierenden Unternehmen dürften sich, so wie die Dinge liegen, nicht in der Lage sehen, zusätzliche Kostenbelastungen zu verkraften. Sie werden, ihnen durch Arbeitnehmerentlassungen auszuweichen versuchen, es sei denn, die Notenbank entschließt sich dazu, die Kreditbremsen zu lockern. Das wird sie hoffentlich, aus guten Gründen, nicht tun. Der Schuß könnte also nach hinten losgehen.

Die augenblickliche Wirtschaftslage setzt einer breit angelegten Lohnbewegung zur Zeit recht enge Grenzen. Ihren Tücken ist wahrscheinlich überhaupt nicht von der Lohnseite her beizukommen. Wohlstand kann auch durch Preissenkungen geschaffen werden. In der Tat wären differenzierte Preissenkungen – überall dort, wo die Rendite es erlaubt oder die Marktlage es erforderlich macht – die ökonomisch "richtige" Antwort auf die Probleme, die von der derzeitigen differenzierten konjunkturellen Situation aufgeworfen werden. Die gewerkschaftliche Kaufkrafttheorie, angewendet auf die Gegebenheiten der Stunde, wird auch nicht dadurch richtiger, daß die Preissenkungstendenzen sich bis jetzt noch nicht so weit durchgesetzt haben, wie es die Lage erfordert. Immerhin sind wir, nach Jahren eines kontinuierlichen Preisauftriebs, bereits seit längerem in eine Phase der Preisberuhigung eingetreten. Auch das ist schon etwas.

Es wäre schade, wenn die Chance für eine weitere wirtschaftliche Konsolidierung vertan würde durch ein unbedachtes Heraustreten der Gewerkschaften aus der seit einem halben Jahr geübten wohltuenden Reserve – weil ja nun "endlich wieder etwas geschehen muß". Es wäre schade speziell auch für diejenigen, deren Interessen von den Gewerkschaften vertreten werden. Sie sind, insgesamt gesehen, nicht schlecht gefahren, seitdem das Schiff der Konjunktur in ruhigeres Fahrwasser gekommen ist.

Der Anteil der Bruttoeinkommen aus unselbständiger Arbeit am Volkseinkommen stieg von 62,4 v. H. im Jahre 1957 auf 63,9 v. H. im Jahre 1958. In Zeiten gedrückter Konjunktur ist der Arbeitnehmer in seiner Eigenschaft als Verbraucher in einer starken Position. Der Unternehmergewinn ist um so größer, je mehr verbraucht wird. Er verringert sich, wenn die Sparquote der Arbeitnehmer wächst. Nicht so sehr durch nominale Lohnerhöhungen als vielmehr durch Sparen werden die Arbeitnehmer im Kampf um einen höheren Anteil am Sozialprodukt erfolgreich sein.